Memoiren #2

3¾ – 7½

Mein Leben zwischen Dachgeschosswohnung und Kindergarten verläuft unbeschwert. Wenn mein Bruder morgens davonrennt, weil er keine Lust hat, mich zum Kindergarten zu bringen, übernimmt das freiwillig der Sohn des Nachbarn, der mich meistens sogar auf seinen Schultern trägt.

Mein Vokabular der deutschen Sprache erweitert sich täglich und besteht sehr schnell nicht mehr aus der knappen, aber nützlichen Basis wie: Danke, Bitte, Ja, Nein, Guten Tag, Tschüss, Mein Name ist Serap und Frohe Weihnachten. Mit dem Besuch des Kindergartens werde ich auch zur Kirchengängerin und genieße diese Zeit der Woche ganz besonders. Vor allem haben es mir die bunten Kirchenfenster angetan, die alle eine Geschichte zu erzählen scheinen. Auf mich wirken sie wie riesengroße Bilderbuchseiten, durch denen das Licht durchfließt. Ganz besonders freue ich mich jedes Mal auf die Kerzen, die dort brennen und von der Kindergärtnerin angezündet werden. Mit ihnen verbinde ich das wohlige Gefühl, welches ich habe, wenn zu Hause unsere Nachtischlampe tanzende Lichter an die Wand wirft.

Kurz bevor ich vier Jahre alt werde, lande ich mit Gelbsucht im Krankenhaus. Meine erste Begegnung mit dem Krankenhausessen ist traumatisch. Bisher nur die Küche von anne – türkisch für Mutter – genossen habend und auch essenstechnisch wählerisch seiend, bekomme ich im Krankenhaus Essen vorgesetzt, welches inakzeptabel ist. Fleisch, Kartoffelpüree und irgendeine hellgrüne Matsche. Die Krankenschwester behauptet, dass es Spinat und gesund sei. Gut, ich bin ein Kind, aber nicht blöd. Spinat sieht anders aus. Es sind dunkelgrüne Blätter, die anne immer mit sehr viel Wasser mehrfach wäscht, dann kommen sie mit Zwiebel, Tomaten und Hackfleisch in den Topf, wobei die Blätter danach ganz klein und schrumpelig werden. Auch das esse ich nicht gerne, aber wie hellgrüne Matsche sieht es nicht aus. Das weiß ich!

Die Krankenschwester behauptet immer noch, dass es Spinat sei und ich frage sie, ob es ein Spinat ist, der schon mal gegessen und wieder ausgespuckt wurde. So würde es nämlich aussehen. Während feststeht, dass ich so etwas Undefinierbares nicht esse, schneidet die Krankenschwester das Fleisch klein und mischt es mit dem Kartoffelpüree und der hellgrünen Matsche zu einem Einheitsbrei. Also bitte, so etwas esse ich definitiv nicht und weigere mich den Mund aufzumachen. Die Krankenschwester versucht es mehrfach und gibt irgendwann auf. Am nächsten Tag beschwere ich mich bei anne, dass die Krankenschwester mir ausgespuckten Spinat vorgesetzt hat. Anne erklärt mir, dass es Spinat sei, so wie die Deutschen es essen würden, was für mich kein Unterschied macht. So einen grünen Matsch esse ich nicht.

Mein Bruder ist zwar fast ein Jahrzehnt älter als ich, aber nicht alt genug, um mich im Krankenhaus besuchen zu dürfen. Glücklicherweise befindet sich das Zimmer im Erdgeschoss und mein Bruder steht draußen vor dem Fester und schaut ins Zimmer rein. Weil es Winter ist und es ordentlich geschneit hat, macht er sich an die Arbeit und baut einen großen Schneemann direkt vor meinem Krankenzimmerfenster. Meine Eltern und ich beobachten ihn dabei. Noch viele Tage lang hält sich der Schneemann aufgrund der niedrigen Temperaturen vor dem Fenster und ist eine Freude dafür, dass ich das Zimmer nicht verlassen darf.

Stolze vier Jahre werde ich während meines Krankenhausaufenthaltes. Bekannte meiner Eltern, die zu Besuch kommen, schenken mir einen Spazierstock mit Liebesperlen. Süßes ist jedoch verboten. Das erzähle ich meinem Besuch nicht und gemeinsam mit meiner Zimmernachbarin esse ich alle Liebesperlen auf, obwohl ich eher auf Salziges stehe. Als die Krankenschwester fragt, behaupte ich, dass ich nur den Spazierstock ohne Inhalt geschenkt bekommen habe. Meine erste Lüge.

„Sie können glauben was Sie wollen, Dracula lebt unter uns.“

Ein Tag vor mir, wird meine Zimmergenossin, die ebenfalls Türkin ist, entlassen. Ihr Vater kommt sie abholen. Er fragt mich, ob er meine Hausschuhe bekommen darf, weil er vergessen hat, Schuhe mitzubringen. Meine Zimmergenossin besitzt Plastiklatschen, bei denen sie in dieser eisigen Jahreszeit definitiv kalte Füße bekommen würde, während meine Samthausschuhe mit flauschigem Innenfutter eine wesentlich bessere Alternative sind. Der Vater verspricht mir, dass er sie zurückbringen wird. Als meine Eltern mich am Tag darauf abholen und fragen, wo meine Hausschuhe sind, erzähle ich die Geschichte. Für meine Eltern steht fest, dass wir die Hausschuhe nicht mehr wieder sehen werden, ich jedoch glaube daran, dass der Vater sein Versprechen halten wird. Er tut es nicht. Mein erstes Angelogen werden.

An einem Tag sitze ich zu Hause auf der Couch neben meinem Bruder, der in der Fernsehzeitung herumblättert. Auf einer der Seiten sehe ich ein Foto von Graf Dracula und frage meinen Bruder, was da oben steht. Er liest mir die Überschrift des Artikels vor: „Sie können glauben was Sie wollen, Dracula lebt unter uns.“ Hmm, ich bin mir sicher, dass unter uns eine andere Familie mit Kindern wohnt, aber nicht Graf Dracula. Also kann es nur sein, dass er zwischen uns – also meiner Familie – und der Familie unter uns wohnt. Während mein Bruder schon längst weg ist, schaue ich unter dem Sofa, ob ich Graf Dracula wohl dort sehen kann. Er ist nicht da, also denke ich, dass er gerade nicht zu Hause ist. Lange Zeit, achte ich darauf, dass der Zugang unter dem Sofa nicht verdeckt wird. Graf Dracula könnte nach Hause kommen und da wäre es nicht schön, wenn ich ihm den Weg versperre. Leider ist er nie da, wenn ich ab und an nach ihm schaue. Er scheint selten nach Hause zu kommen.

Die Tage in nachbarschaftlicher Gemeinschaft vergehen besonders schön. Zur Karnevalszeit befinden wir uns bei den Nachbarn auf der ersten Etage, spannen die Regenschirme auf und fangen so die Süßigkeiten und Geschenke ein, die mit einem lautstraken Helau in unsere Richtung fliegen. Was für ein Glück, dass der Karnevalszug durch unsere Straße führt. Es sind schöne Zeiten, die zu Ende gehen, als feststeht, dass alle Mieter ausziehen müssen, weil das Haus abgerissen werden soll. Nach und nach ziehen alle Nachbarn aus und auch wir verlassen unsere Dachgeschosswohnung, um in einem anderen Stadtteil erneut eine etwas größere Dachgeschosswohnung zu beziehen. Diesmal mit zwei Zimmern und einer Wohnküche. In diesem Stadtteil werde ich kurze Zeit später mit sechseinhalb Jahren auch eingeschult.

Mein erster Schultag ist sehr spannend. Mit meinem dunkelblauen Rock, der weißen Rüschenbluse und den roten Clogs, passend zu meinem roten Lederschulranzen und zur roten Schultüte starte ich meinen Bildungsweg. Zu Hause berichte ich anne, wie ich alles erlebt habe und mein Klassenlehrer ist. Der Unterricht macht Spaß und ich gehe gerne zur Schule. Nach und nach, durch die Fragen der Mitschüler und vor allem der Eltern, die ich auf dem Schulhof treffe, merke ich, dass ich doch irgendwie anders zu sein scheine, als alle anderen. Warum meine Mutter kein Kopftuch trägt, wäre schließlich Pflicht, oder nicht? Ob ich auch irgendwann eins tragen müsse. Warum wir kein Schweinefleisch essen. Warum wir zur Fastenzeit nichts essen und trinken. Ob wir Ostern oder Weihnachten feiern. Fragen, die mich als Kind komplett überfordern und auf die ich kaum Antworten habe. Meine Welt, die bis dahin mit ihrer Unterschiedlichkeit eine Einheit bildete, fängt an zu zerbröseln.

© Serap Yildirim / 2018

Dieser Beitrag ist Teil einer 12-Wochen-Serie auf meinem Blog basierend auf dem Buch von Julia Cameron – Es ist nie zu spät anzufangen. Weitere Infos hier.

12 Comments

  1. finbarsgift

    Fein, die Memoiren von dir als Kind zu lesen, mit Gelbsucht im KH und Spinat, den ich auch nie mochte als Kind…
    Und mit dem Schuleintritt begann bei mir auch die sorgenvollere Zeit.
    Dankeschön für’s Erzählen!
    Liebe Grüße zur Nacht vom Lu

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  2. Major Tom

    Was für eine schöne Geschichte ist es! Und wie böse ist, was dieser Vater gemacht hat. Du hast gemacht, was du machen solltest, würde ich sagen. Aber die alle Storys, die Du mitgeteilt hast, sind ganz warm herzlich geschrieben und ebenso schön verbunden. Danke Dir bin ich auch für kurze Zeit zu meiner Kindheit zurückgekehrt.
    Ich hatte allerdings zwei Fragen: wie du von dem Krankenhaus nach Hause zurückgekommen bist und wie hast du dich später gefühlt hast? 🙂
    Ich habe auch eine ähnliche Geschichte mit meiner ersten Uhr. 🙂

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    1. mynewperspective

      Vielen Dank! Leider ist Dein Kommentar im Spam gelandet und ich sehe es jetzt eher zufällig.
      Danke, dass Du mit mir in meine Kindheit gereist bist und auch in die eigene 🙂
      Zu Deinen zwei Fragen: Wie schon geschrieben, haben mich meine Eltern abgeholt. An mehr kann ich mich nicht erinnern, auch nicht daran, wie ich mich gefühlt habe. Falls Du auf die Hausschuhe ansprichst: Ich habe schöne neue bekommen 🙂
      Liebe Grüße
      Serap

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  3. Jules van der Ley

    Das ist eine sehr schöne Schilderung kindlicher Erfahrungen, und man erfährt, wie du mehr und mehr mit einer anderen Kultur konfrontiert wirst und wie du darauf reagierst. Erstaunlicher Weise wirkt alles ziemlich unbeschwert, als wärest du ein göttliches Kind gewesen, das unbeschadet von alltägliche Belastungen durchs Leben schwebt.

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    1. mynewperspective

      Herzlichen Dank. Sehr schöne Worte, mit denen Du meine Kindheitserinnerungen interpretiert hast. Erstaunlich ist auf diesem Weg bisher, was sich zeigen möchte und was eher unbedeutend zu sein scheint. Von dem bisher kindlich unbeschwerten, wollen auch nur bestimmte Dinge niedergeschrieben werden. Eine sehr interessante Erfahrung. Nicht mehr so unbeschwert erachte ich die letzten Sätze, die mir persönlich sehr schwergefallen sind. Bin selber sehr gespannt darauf, wie es weitergehen wird. Bisher dachte ich, ich kenne meine Geschichte, aber sie in dieser Form nochmal zu durchlaufen, zeigt Facetten, die ich bisher nicht wahrgenommen habe. Danke Dir sehr für die Begleitung auf diesem Weg.

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