Künstlertreff #1

Mein erster Künstlertreff führt mich zu einer Ausstellung der ganz besonderen Art. Seit Jahren schiebe ich es immer wieder auf, diese zu besuchen. Jetzt gibt es keine Ausrede mehr. Mit online gebuchtem Termin geht es in die Speicherstadt zum Dialog im Stillen.

Ein gehörloser Tourführer begleitet zwei weitere Besucher und mich durch die Ausstellung. Zuerst bekommen wir Kopfhörer, die wir tragen müssen, um absolut gar nichts mehr hören zu können. In einfacher Zeichensprache lässt uns unser Tourführer wissen, was wir zu tun haben.

Ihm folgend, stellen wir uns im ersten Raum um einen, ich nenne ihn mal runden Milchglastisch, der beleuchtet wird. Nach Anleitung lassen wir unsere Hände über dem Tisch ‚tanzen‘ und beobachten die Schatten dieser auf der Tischoberfläche. Danach gibt unser stiller aber ausdrucksvoller Tourführer vor, welche Dinge wir mit unseren Händen wiedergeben sollen. Erst fasst er an sein Herz und lässt es dann händisch pochen. Wir sollen nun ein Herz mit unseren Händen formen. Wie machen wir das? Und so geht es Symbol für Symbol weiter, immer mit den Schatten, die wir auf dem Tisch sehen, die unsere Handsprache spricht.

Weiter geht es in einen Raum, wo wir uns – wieder im Kreis – „hinter“ Bilderrahmen stellen, damit unsere lebenden Porträts nun aus ihnen herausschauen. Dann werden uns Fotos gezeigt und wir ändern zu jedem Foto unseren Gesichtsausdruck. Von Liebe, Angst, Freude, Schreck, … alles ist dabei. Auch unterschiedliche Reaktionen zu den Bildern ist gegeben.

Im nächsten Raum gibt es unterschiedliche Abbildungen von Handgesten und gemeinsam entdecken wir, mit welchen Gesten wir was ausdrücken können. Erst planlos und dann vorgegebenen Kategorien folgend, zeigen wir uns gegenseitig mit welchen Handgesten wir bestimmte Musikinstrumente, Sportarten oder Tiere darstellen können. Mit ein und er gleichen Geste lassen sich viele unterschiedliche Dinge ausdrücken und wir lernen, wie wichtig dabei der Gesichtsausdruck und auch der gesamte körperliche Einsatz ist.

Im letzten Raum geht es spielerisch weiter. Wir lernen einige Gebärden für die Wörter, wie z.B. schön, Danke, Hamburg, sowie schwer und beginnen mit unserer kleinen Konversation in Gebärdensprache. Unser wortloser Tourführer lässt uns wissen, dass er in Hamburg geboren und aufgewachsen ist. Und wir? Erst werden die beiden anderen Gäste gefragt. An den mit Gesten dargestellten Rock und Dudelsack erkennen wir die schottische Herkunft. Und ich? Da ich kein Tourist bin, gebärde ich Hamburg. Ja, aber … sehe ich im Gesicht und in den Gesten unseres wissbegierigenTourführers, der mit seinem rechten Zeigefinger an der Innenseite seines linken Unterarmes, rauf- und runterstreicht und auf meine Hautfarbe anspielt.

Da stehe ich nun. Wie gebe ich in Gesten die Türkei wieder? Glücklicherweise erinnere ich mich daran, dass ich vor seeehr langer Zeit gelernt habe, dass es eine Sichel, die in Form eines mit der Hand geformten C’s, ist, welches mittig oberhalb der Stirn platziert dargestellt wird. Super, unser sympathischer Führer versteht es sofort, aber die schottischen Touristen schauen mich fragend an. Meine geringen Kenntnisse der Gebärdensprache bringt mich bei den beiden nicht weiter. Mit meinen Gesten stelle ich einen Döner dar, schneide von oben nach unten mehrere Fleischlagen ab, fülle sie in ein Fladenbrot und genieße es. Die Touristin scheint begriffen zu haben. Der Tourist schaut mich noch fragend an. Um auch ihn mit ins Boot zu holen, führe ich einen türkischen Volkstanz auf und blicke nun in lachende Gesichter. Keine Ahnung, ob er mich nun verstanden hat, es geht weiter mit einem kleinen Spiel.

In zwei Gruppen aufgeteilt, setzt sich jedes Paar nun an einen separaten Tisch und bekommt eine Kiste mit Figuren. Die Aufgabe ist folgendermaßen: Eine Person sieht ein Bild und erklärt es in Zeichensprache der anderen Person, die mittels der Figuren in der Box dieses Bild nachstellen soll. Dabei geht es darum, dass wir Formen, Farben und sogar Tiere gestikulieren bzw. erkennen müssen. Gar nicht so einfach, aber spielerisch kommt man schnell rein und verständigt sich still und dynamisch.

Am Ende der Ausstellung bekommen wir die Gelegenheit, uns mittels einer Gebärdensprachendolmetscherin mit unserem wortlosen Tourführer zu unterhalten. Mich interessiert, in welcher Sprache er gebärdet, da die Dolmetscherin aufgrund der Touristen Englisch spricht. Er gebärdet auf Deutsch und die Dolmetscherin wandelt simultan seine Gebärden in ihrem Kopf erst in die deutsche und dann in die englische Sprache um, die uns hilft, hier eingehender miteinander zu kommunizieren. Auch möchte ich wissen, ob er neben den (vor allem beruflichen) Nachteilen, die er uns aufgezählt hat, auch Vorteile in seiner Gehörlosigkeit sieht. Das tut er tatsächlich. Die Stille, hilft ihm gut einzuschlafen. Er kann sich auch in der Disko prima unterhalten, weil er gebärdet. Auch über die Distanz ist eine Kommunikation möglich, ohne brüllen zu müssen. Unter Wasser wäre es auch sehr hilfreich, gebärden zu können, da alles andere nicht wirklich helfen würde. Auch würden es ihm nichts ausmachen, wenn es irgendwo Bauarbeiten oder sonstige Lärmbelästigung gebe. Er hört sie einfach nicht und ist in der Hinsicht stets relaxed. Das seine anderen Sinne, vor allem seine Beobachtungsgabe sehr ausgeprägt ist, wäre ein Bonus, der nicht zu unterschätzen sei.

Mein erster Künstlertreff und ich verlasse eine bereichernde Ausstellung mit einem frischen und neuen Blickwinkel auf das Thema Inklusion, einem wertvollen plus zur Empathie und vor allem mit dem Bewusstsein, dass meine Hände mehr zu sagen haben, als ich es bisher gewohnt bin. Man kann nicht nicht kommunizieren lehre uns Paul Watzlawick.

Zu Hause angekommen, nehme ich meinen Stift zur Hand und beginne über die Geschichte meines ersten Künstlertreffs zu schreiben, eine Form der Kommunikation, die mir bekannt ist. Heute aber, wurde mir eine neue Form nahegebracht, die mir wieder bewusst vor Augen führte, dass menschliche Kommunikation aus mehr besteht, als Worte, die in Lauten geformt aus meinem Mund kommen.

© Serap Yildirim / 2018

Dieser Beitrag ist Teil einer 12-Wochen-Serie auf meinem Blog basierend auf dem Buch von Julia Cameron – Es ist nie zu spät anzufangen. Weitere Infos hier.

11 Comments

  1. Marlise

    Guten Morgen liebe Serap,
    da hat Paul Watzlawick.wohl sehr recht wenn er sagt, man könne nicht nicht kommunizieren.
    Eine sehr interessante Erfahrung die du hast machen dürfen und sehr gelungen sprachlich weitergegeben.
    Herzliche Grüße von Marlise

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspective

      Guten Morgen liebe Marlise,
      Herzlich Willkommen bei den Kommentaren und vielen Dank für Deine Zeilen.
      Eine interessante Erfahrung war dieser Künstlertreff auf alle Fälle. Es gibt so viel Neues, was entdeckt werden kann. Eine tolle Bereicherung, die ich mit offenem Herzen aufgenommen habe.
      Herzliche Grüße
      Serap

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