Seelenrecht?

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An einem Frühsommerabend treffen sich eine Kollegin und ich in einem Ristorante. Der Abend gestaltet sich flüssig, denn die Kollegin und ich haben eine kreative Ader und es findet, was unsere Projekte betrifft, ein sehr reger Austausch statt, auch wenn unsere Stile unterschiedlicher nicht sein könnten.

Die Zeit vergeht wie im Flug und die Vorspeisen sind bereits verzehrt. Da wir uns vorerst nur dafür entschieden haben, bitte ich für die Auswahl des Hauptgerichts um die Speisekarten. Für mich fällt die Entscheidung auf Pizza. Prima, findet die Kollegin und weil sie nicht so hungrig ist, will sie eine mit mir teilen.

Mein Hunger ist jedoch größer als eine halbe Pizza sie stillen könnte, so dass mir gar nicht nach Teilen ist. Die Kollegin bequatscht mich dazu, dass ich noch eine Nachspeise nehmen könnte. Tiramisu! Daran würde sie sich ebenfalls ein bis zwei Löffel mitessend beteiligen, und da sie mich damit jetzt überrollt, würde sie mir die Nachspeise sogar spendieren. Mir geht es gar nicht darum, dass mein Abendessen teils auf Kosten der Kollegin geht, aber ich lasse mich breitschlagen. Die Pizza wird serviert und sich der fließenden Konversation hingebend wird auch dieser Gang von mir genüsslich verputzt und der ganze Abend ist bisher ein voller Erfolg.

Es ist das erste Mal, dass die Kollegin und ich uns außerhalb der Arbeit treffen. Wir beide stellen in den kurzen Konversationen im Büro viele Gemeinsamkeiten fest und entschließen uns, auch über die Arbeitswelt hinaus, Zeit miteinander zu verbringen. Über viele kreativen Ideen, aber auch über Gott und die Welt redend, gestaltet sich der Abend wirklich sehr schön.

Bevor die Nachspeise serviert wird, freut sich die Kollegin bereits auf das Tiramisu, was für mich kein Sinn ergibt, da sie lediglich ein zwei Löffel davon essen will. Aber, vielleicht freut sie sich eben auf den kleinen Genuss, warum auch nicht? Der Nachtisch wird mittig auf dem Zweiertisch serviert, so dass wir beide davon essen können. Die Kollegin und ich machen uns, jeder von ihrer Seite aus, an die Nachspeise, während sie nach zwei Löffeln tatsächlich aufhört zu essen. Sie schiebt das Tiramisu in meine Richtung, was mir zeigt, dass sie wirklich nicht mehr weiteressen möchte. Auch wenn ich meine Kollegin ermuntere, nicht so schnell aufzugeben, ist sie fest entschlossen.

 

Der Moment der Wahrheit ist angebrochen.

 

Während das interessante Gespräch weiterrollt und ich genüsslich dabei das Tiramisu zu mir nehme, bemerke ich immer wieder, wie die Blicke und der Gesichtsausdruck der Kollegin sich zeitweilig verändern. Auch schon bei der Hauptspeise fiel mir dies auf, jedoch nicht so merklich, wie jetzt. Jedes Mal, wenn ich ein Löffel Tiramisu in den Mund schiebe, nehme ich sehnsüchtige Blicke der Kollegin wahr und sie scheint sich für einen Moment zu verlieren. Da ich nicht einordnen kann, wie ich diese Blicke zu deuten habe, versuche ich sie zu ignorieren. Immer, wenn meine Kollegin selbst bemerkt, dass sie gedanklich woanders ist, reißt sie sich zusammen und widmet sich wieder der Konversation zu.

Bei jedem Löffel Tiramisu, dass ich zu mir nehme, verliert sich die Kollegin sehnsuchtsvoll, in irgendetwas für mich nicht deutbares, hingebend. Ab einem bestimmten Punkt schlägt meine Verwunderung in ein äußerst ungutes Gefühl um und da ich nicht einordnen kann, wie ich mit dieser Situation umgehen soll, frage ich die Kollegin, ob sie sicher ist, dass sie kein Nachtisch mehr möchte. Der Gesichtsausdruck der Kollegin verändert sich und es erscheint, als ob sie auf frischer Tat ertappt wurde.

Für einen Moment herrscht Stille zwischen uns beiden. Der Moment der Wahrheit ist angebrochen. Meine Kollegin gesteht, dass sie an einer Essstörung leidet. Sogar die halbe Pizza, hätte sie nicht essen wollen, wollte aber sicher gehen, dass ich weiteresse und nicht ebenfalls aufhöre, damit sie mir beim Essen zusehen kann, um ihr Bedürfnis zu befriedigen, ohne selbst gegessen zu haben. Ihr sei schon auf der Arbeit aufgefallen, wie gerne ich esse und auch das Essen genießen würde. Auch sie möchte erleben, was für ein positives Gefühl Essen sein kann und deshalb sieht sie mir gerne dabei zu und versucht dieses Gefühl mitzuerleben.

An den Rest des Abends, erinnere ich mich nicht mehr, jedoch daran, wie ich mich gefühlt habe. Wie traurig, was die Kollegin im inneren er- und durchlebt. Heute, nach über einem Jahrzehnt, stelle ich mir die Frage, ob das eigene Leiden dazu berechtigt, eine andere Person dazu zu nutzen, um dieses Leid zu lindern. War dies eine wirklich bewusste Handlung der Kollegin, auch wenn ihr bewusst war, was sie tut? Wird uns in einer Situation des tiefen Leidens wirklich bewusst, dass wir aus dem eigenen Leid heraus, eine andere Person ausnutzen? Ist es nicht so, dass wir in der Panik des Ertrinkens auch den Retter mit herunterziehen können, wenn dieser nicht bei vollem Bewusstsein genau weiß, was er zu tun hat und auch die Techniken kennt und anwendet, um Leben retten zu können?

© Serap Yildirim / 2018

 

 

Beitragsbild: Photo by Jordane Mathieu on Unsplash
Sound/Musik für Audio:
https://www.zapsplat.com/music/restaurant-ambience-people-chat-and-laughter-speyer-germany/
http://www.orangefreesounds.com/albinoni-adagio-in-g-minor-acoustic-guitar/

17 Comments

      1. socopuk

        Angenommen die Kollegin hätte dich in dem Moment, in dem ihr den Termin vereinbart habt, offen angesprochen, von ihrer Ess-Störung erzählt und dass sie trotzdem gerne mit dir essen gehen würde, auch wenn sie eigentlich gar nichts essen will etc. Das wäre für dich wahrscheinlich erstmal verstörend gewesen, aber zumindest hätte sie dich nicht im geheimen ausgenutzt – das war mein Gedanke. Hättest du damit besser umgehen können?

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        1. mynewperspective

          Vielen Dank für die Ausführung. Wenn meine Kollegin mir erzählt hätte, dass sie mit mir essen gehen will, aber nicht viel essen möchte, weil sie eine Essstörung hat, sie aber darauf hinaus ist, mir vorzugeben, was sie gerne essen möchte, um durch mich diesen Genuss zu erleben, dann hätte ich dieses Angebot abgelehnt. Ich persönlich halte nichts davon, etwas durch jemanden zu erleben. Bin gerne bereit zu inspirieren, anzustecken, zu motivieren, aber stehe nicht zur Verfügung, dass man durch mich etwas ‚erlebt‘.
          Hoffe, dass ich Deine Frage jetzt richtig verstanden und dadurch beantwortet habe.

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  1. Jules van der Ley

    Vor den beiden letzten Absätzen wirkt die Geschichte surreal, bis dann die Auflösung kommt. Schöner Spannungsbogen, und nein, man darf eine Kollegin nicht auf diese Weise instrumentalisieren. Das ist übergriffig und in der verqueren Idee dahinter ziemlich unheimlich.

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    1. mynewperspective

      Surreal ist doch so einiges in unserem Leben 😉
      Vielen Dank für Deinen Kommentar und für die schönen Worte zur Geschichte.
      Auch ich denke, dass eine Instrumentalisierung in dieser (oder anderen Form) nicht passieren sollte. Übergriffig trifft es hier sehr genau.

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  2. hummelweb

    Phu, eine Geschichte, die mich bewegt.
    Du schreibst: „Heute, nach über einem Jahrzehnt, stelle ich mir die Frage, ob das eigene Leiden dazu berechtigt, eine andere Person dazu zu nutzen, um dieses Leid zu lindern.“ Machen wir das nicht alle irgendwann? Wir nutzen das Ohr der Freundin, um uns auszuweinen, wir nutzen die Kompetenz eines Fachmanns, um uns helfen zu lassen, etc.
    So, wie du die Geschichte angelegt hast, scheint es mir keine „wirklich bewusste Handlung der Kollegin“ gewesen zu sein, „auch wenn ihr bewusst war, was sie tut“. Es wirkt auf mich, als sei ihr das erst beim Beobachten selber klar geworden. Aber ich weiß natürlich nicht, ob es wirklich so war. Ich wünsche es mir, denn ansonsten wäre es wirklich ein Vorsatz, der mit Verheimlichung zu tun hat, und dann wäre es tatsächlich eine Instrumentalisierung.
    „Wird uns in einer Situation des tiefen Leidens wirklich bewusst, dass wir aus dem eigenen Leid heraus, eine andere Person ausnutzen? Ist es nicht so, dass wir in der Panik des Ertrinkens auch den Retter mit herunterziehen können, wenn dieser nicht bei vollem Bewusstsein genau weiß, was er zu tun hat und auch die Techniken kennt und anwendet, um Leben retten zu können?“ Ja, das denke ich auf jeden Fall, und ich erlebe es zur Zeit selbst in der Familie, wie es ist, wenn jemand sich des eigenen Ertrinkens nicht bewusst ist und seine Umgebung als seine „Retter“ mehr und mehr mit sich zu ziehen versucht. Es ist furchtbar anstrengend. Aber du schreibst auch richtig, dass der „Retter“ „bei vollem Bewusstsein Leben retten kann mit Anwendung der richtigen Techniken. Und sei es, die Technik, dem Anderen sein Verhalten zu spiegeln, wie du es getan hast. Denn du warst aufmerksam und feinfühlig und hast es dann thematisiert. Das finde ich das wirklich Positive an der Geschichte!
    Liebe Grüße
    Hummel

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  3. Heidrun Regina

    Liebe Serap,
    es ist meines Erachtens Teil der Ess-Störung, was Du da erlebt hast: Sicherlich nicht böse gemeint, doch irgendwie „krank“, und hinterlässt einen seltsamen „Nach-Geschmack“.
    Interessant erzählt und vorgetragen! Dir höre ich wirklich gerne zu.
    Herzlich Heidrun

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    1. mynewperspective

      Liebe Karin, das freut mich sehr.
      Schön, dass Dich die Geschichte zum Denken angeregt hat und ich denke auch, dass es bei der Beantwortung der Frage kein richtig oder falsch gibt, denn jeder muss sich die Antwort selbst geben, die er/sie für richtig hält.
      Herzliche Grüße
      Serap

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