Memoiren #1

0 – 3¾

Dachgeschosswohnung. Ein Zimmer, eine Küche. Ein innenliegender Raum mit Toilette und Waschbecken, noch groß genug, um eine Waschmaschine zu beheimaten. Im Zimmer zwei Schlafsofas mit geräumigen Bettkästen. Eins davon dient Nacht für Nacht als Bett für meine Eltern. Mein Kinderbett in der Ecke unter der Dachschräge direkt neben einem der Schlafsofas.

An der Wand über meinem Bett eine Spardose in Wandbildform mit einem Jungen als Motiv darauf. Dort spare ich all das Geld, welches ich für die unterschiedlichsten Anlässe erhalte. Aber nur Silbergeld! Egal ob kleine (50-Pfennig) oder große (5-Mark) Münzen. Auf die Größe kommt es nicht an, nur Silber muss es sein. Geldscheine und andere Münzfarben werden von mir nicht akzeptiert.

Ein großer Vitrinenschrank. Ein Kohleofen in der Ecke. Der Kohlelieferant ist ein sehr groß gewachsener Mann, mit pechschwarzen glänzenden längeren Haaren, die akkurat aus seinem Gesicht heraus nach hinten gekämmt sind und bombenfest sitzen. Immer schwarz gekleidet und mit seinen Haaren erinnert er mich an Graf Dracula aus den Filmen, die sehr spät abends über den Fernseher in unserem Wohn- und Schlafraum flimmern. Der Kohle-Mann schaut aber wesentlich freundlicher und seine Blicke sind liebevoll.

Ein großer Wohnzimmertisch. Immer mit einer Tischdecke drauf. Fernseher, Telefon und vor allem eine ganz besondere Nachtischlampe. Ein einfacher runder schwarzer Sockel, mit Platz für eine kleine Glühbirne. Ein Metalldraht, der von einer Stelle des breiten Sockels erst hochragt, sich dann um 90 Grad nach innen Richtung Glühbirne biegt, ein paar Zentimeter über der Glückbirne noch einmal eine 90 Grad Biegung circa ein Zentimeter nach oben hat und spitz endet. Auf dieser Drahtspitze sitzt das Innenteil der Lampe, welches aus einem Kunststoffzylinder mit Wellenmuster und einem Querdraht oben besteht, wobei die Mitte der Querdrahtvorrichtung zu einem „Käppchen“ geformt ist, so dass es auf der Metallspitze platziert wird. Darüber ruht auf dem Sockel ein weiterer Kunststoffzylinder mit einem aufgedruckten Muster eines Holzhüttenzimmers mit Kamin. Schaltet man die Nachtischlampe an, so dreht sich durch die Wärme der kleinen Glühbirne nach kurzer Zeit der innere Zylinder und erweckt den Anschein, dass das Feuer des Kamins tatsächlich echt ist. Die schönen bewegenden Licht- und Schattenspiele an der Wand des dunklen Wohn- und Schlafraumes fördern mich Abend für Abend in einen süßen kindlichen Schlaf.

Meine ersten Schritte der Selbstständigkeit genießend, tipple ich leise weiter in die Küche, … und stibitze mit meinen Fingerchen ein kleines Stück von der Ecke des weichen Käses …

Aus einem mittäglichen Schlummerschlaf wache ich eines Tages auf und rufe leise nach meiner Mutter. Es passiert nichts. Nach ein paar weiteren leisen Versuchen realisiere ich, dass ich wohl alleine in der Wohnung bin. Bis dahin ein nicht vorhandenes Phänomen. Alleine zu Hause!! Das kommt nicht oft vor … um genauer zu sein: gar nicht! Die Gelegenheit! Langsam ziehe ich mich an der Bettseite hoch und schwinge ein Bein rüber und drehe mich so weit, dass ich mit dem Fuß auf die Couchlehne komme. Dann schwinge ich das andere Bein rüber und halte mich an der Bettseite fest und stehe nun mit beiden Beinen auf der Couchlehne.

img_0107-e1528611110853.jpg

Bisher wurde ich immer von irgendjemandem ins Bett gelegt und wieder herausgeholt. Dies ist der erste Moment, wo ich ganz auf mich gestellt bin und scheine offensichtlich einen Weg gefunden zu haben, wie ich es ohne jegliche Hilfe ins Bett und auch wieder herausschaffe. Meine allererste Erinnerung der Selbstständig-keit. Was für ein Moment!

Nochmal eine kleine Drehung und ich setze mich auf die breite Couchlehne, halte noch mit einer Hand an einer der schmalen Holzlatten auf der Bettseite fest und rutsche runter und lande mit den Füßen auf dem Fußboden! Geschafft! Leisen Schrittes tipple ich durch das Wohn- und Schlafzimmer Richtung dem kleinen quadratischen Flur und sehe, dass die Wohnungstür leicht offensteht und höre, wie meine Mutter sich mit der Nachbarin unterhält.

Meine ersten Schritte der Selbstständigkeit genießend, tipple ich leise weiter in die Küche, öffne den Kühlschrank, hebe die Ecke der Abdeckung für den Schafskäse hoch und stibitze mit meinen Fingerchen ein kleines Stück von der Ecke des weichen Käses und schlemme es danach genüsslich, bis auch alle Reste, die an meinem Daumen, Zeige- und Mittelfinger kleben, abgeschleckt sind. Oh, wie ich diesen salzigen Geschmack genieße. Und weil es so schön war, entschließe ich mich, noch ein weiteres kleines Stück vom Käse abzubrechen, genieße auch dieses Stück und bin zufrieden.

Um meine Spuren zu verwischen, versuche ich die Abdeckung des Käses wieder so akkurat wie möglich in die Ausgangslage zu bringen, schließe die Kühlschranktür, tipple leise wieder zurück durch die Küche, durch den quadratischen Flur, vorbei an der leicht geöffneten Wohnungstür, durch den Wohn- und Schlafraum und klettere auf die Couch hoch, stelle mich, an meinem Kinderbett festhaltend, auf die breite Couchlehne und schwinge erst das eine Bein rüber, drehe mich, ziehe das andere Bein nach und lege mich wohlgenährt wieder schlafen.

Unsere kleine Wohnung ist immer sehr sauber und stets aufgeräumt. Mein älterer Bruder schläft auf der Couch in der Küche. Die Küche, in der ich in einer großen Plastikschüssel regelmäßig gebadet werde. Mit Wasser, welches in Töpfen erhitzt und dann in einem Eimer mit kaltem Wasser auf badeerträgliche Temperatur gebracht wird, schrubbt mich meine Mutter sanft mit herrlich duftendem Apfelshampoo einseifend ab. Die großen Bubbelapfelduftblasen werden mit reichlich Wasser, welches mittels eines Plastikmessbechers über meinen Kopf und Körper geschüttet wird, von mir abgespült. Meine ganz persönlichen Hamamerlebnisse.

Mit dreieinhalb Jahren bin ich auch schon groß genug, um in den Kindergarten zu kommen. Ein neuer Abschnitt in meinem Leben beginnt. Ein Abschmitt, welcher mich spielerisch einer weiteren Sprache und Kultur näherbringt, die sich von meiner bisherigen unterscheidet.

© Serap Yildirim / 2018
Foto: Privat

Dieser Beitrag ist Teil einer 12-Wochen-Serie auf meinem Blog basierend auf dem Buch von Julia Cameron – Es ist nie zu spät anzufangen. Weitere Infos hier.

12 Comments

  1. Marlise

    Was für eine „heldenhafte“ Erinnerung liebe Serap und so wunderbar anschaulich, liebevoll erzählt! Das ausgesuchte Foto zeigt mir die kleine Heldin die so unerschrocken ihren Weg findet und lässt mein Herz lächeln.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s