Lieber verdient als geschenkt

Die Geschichte von mir vorlesen lassen? Dann bitte Play-Button drücken.

 

Es ist Klausurtag. Latein. Vorbereitet bin ich nicht. Überhaupt fällt es mir aus diversen privaten Gründen schwer, mich momentan auf das Abendgymnasium zu konzentrieren.

Unvorbereitet, wie ich bin, entschließe ich mich, meinen Namen auf das Klausurblatt zu schreiben, um es dann leer abzugeben. Eigentlich hätte ich gar nicht erst zur Klausur erscheinen sollen, aber dann hätte ich die wichtige Lektion des Abends, die mich seitdem auf meinem Lebensweg begleitet, nicht lernen können.

Im Klassenzimmer sitzend, schaue ich mir, trotz fehlender Vorbereitung, die Klausuraufgabe an. Wir müssen einen Text übersetzen, den ich nicht einmal ansatzweise verstehe, weil mir viel zu viele, eigentlich fast alle, Vokabeln fehlen. Ich entschließe mich das zu tun, was ich bereits zu Hause geplant habe. Mit meinem Namen auf dem sonst leeren Klausurblatt gehe ich leise nach vorne und lege es auf den Tisch vor meinen Lateinlehrer. Dieser schaut mich fragend an und ich flüstere, dass es keinen Sinn macht, weil ich fast alle Vokabeln nicht beherrsche.

„Frau Yildirim, Sie setzen sich jetzt sofort wieder an Ihren Platz und schreiben die Klausur“, ermahnt mich mein Lateinlehrer lautstark, so dass alle im Klassenzimmer jetzt die Augen auf uns beide richten.

Nicht wissend, wie ich auf die Situation reagieren soll, stehe ich sprachlos vor ihm und starre ihn an. Nachdem ich mich etwas gefasst habe, flüstere ich ihm erneut zu, dass es keinen Sinn macht, die Klausur zu schreiben, da mir sämtliche Vokabeln fehlen und ich nicht mal ansatzweise einen Satz übersetzen kann.

„Dann setzen Sie sich hin, unterstreichen alle Vokabeln, die Sie nicht kennen, und holen sich dann die Übersetzung bei mir ab. Für jede übersetzte Vokabel bekommen Sie einen Punktabzug.“ Wieder lautstark, so dass alle Kommilitonen mithören, schafft es mein Lateinlehrer, dass ich nun völlig perplex vor ihm stehe und die Welt nicht verstehe.

Weiterhin flüstern erkläre ich ihm, dass ich fast alle Vokabeln nicht kenne und mit den ganzen Punktabzügen eine Sechs bekommen würde. Dann könne ich auch gleich das leere Blatt einreichen, was mir ebenso eine Sechs einbringt.

Schweigend lege ich das Klausurblatt mit der Übersetzung vorne auf den Tisch und verlasse den Raum.

„Frau Yildirim, …“ erwidert mein Lateinlehrer wieder laut genug, dass alle in der Klasse mithören können, „… eine verdiente Sechs ist wesentlich wertvoller als eine geschenkte Sechs. Gehen Sie zurück an Ihren Platz und erarbeiten Sie sich ihr Note!“

Meine Kraft reicht nicht aus, um mit meinem Lateinlehrer zu diskutieren. Mit gesenktem Kopf gehe ich zurück an meinen Platz, die Blicke aller Kommilitonen auf mir spürend. Nachdem ich alle Vokabeln, die mir fremd sind, im vorgegebenem Text unterstreiche, gehe ich wieder nach vorne und bekomme die Übersetzungen von meinem Lateinlehrer. Er braucht eine ganze Weile, bis er alle Vokabeln für mich übersetzt hat und so lange stehe ich neben ihm und kann kaum glauben, was gerade passiert.

Zurück an meinem Platz, mit all den Vokabeln, versuche ich mich an der Übersetzung. Selbstverständlich fehlt mir dafür auch das grammatikalische Wissen, aber dafür kann ich nicht nach vorne zum Lateinlehrer rennen. Satz für Satz quäle ich mich durch den Text und versuche mein Bestes zu geben. Abgesehen davon, dass ich gegen mein mangendes Lateinwissen ankämpfen muss, spielt auch der Zeitfaktor eine Rolle. Die verlorene Zeit zu Beginn der Klausur, ist für mich kaum einholbar.

Während die ersten Kommilitonen bereits die fertig beantworteten Klausuren abgeben, bin ich nicht mal bei der Hälfte des Textes angekommen. Mit jedem Kommilitonen, der jetzt seine Klausur abgibt und die Klasse verlässt, erhöht sich mein Tempo im Übersetzen. Als letzte Studentin in der Klasse sitzend, findet auch meine Klausurzeit irgendwann ein Ende. Schweigend lege ich das Klausurblatt mit der Übersetzung vorne auf den Tisch und verlasse den Raum.

In der Woche darauf, als die korrigierten Klausuren an uns ausgeteilt werden, staune ich nicht schlecht, als ich meine in den Händen halte. Mein Einsatz hatte mir keine Sechs, sondern eine Fünf Minus eingebracht. Das Ergebnis fiel also besser aus, als ich anfänglich gedacht hatte. Bei dieser Klausur war ich zwar gescheitert, aber mein Lateinlehrer hatte mir eine Lektion fürs Leben geschenkt, die ich mir selber schwer erarbeitet hatte.

© Serap Yildirim / 2018

Beitragsbild: Photo by Kelly Sikkema on Unsplash
Musik für Audio: http://www.orangefreesounds.com/hunger-games-song-rues-whistle-piano/

24 Comments

    1. mynewperspective

      Lach … Also mein Mathelehrer auf dem Abendgymnasium erschien (wenn das Wetter schöner wurde) regelmäßig (bis zu 30 Minuten) zu spät zum Unterricht, der um 17:00 begann! Die dreckige Jeanshose noch hochgekrempelt, Erde unter seinen Finger- und Zehennägeln (er trug Sandalen) und seine Erklärung für die Verspätung: Er habe im Garten einfach die Zeit vergessen. Ob uns das nicht auch so ginge? Nein, uns ging es nicht so, schließlich arbeiteten wir fast alle Vollzeit und kamen nach der Arbeit noch zum Unterricht, der wochentags von 17:00 – 21:40 Uhr ging. Von der Englischlehrerin, will ich gar nicht erst berichten. Kollektives Kopfschütteln. Lange Rede kurzer Sinn, mein Lateinlehrer war einer der Wenigen, die irgendwie noch „normal“ waren.
      Sonnige Grüße
      Serap

      Gefällt 2 Personen

    1. mynewperspective

      Sehr gerne! Freut mich, dass es Dir gefallen hat. … Nein, gesprochen haben wir nicht wirklich darüber, aber es war später eine lustige Geschichte in der Abizeitung und mein Lateinlehrer hat sich sehr geehrt gefühlt. 🙂 Der Artikel war damals voller lateinischer Begriffe und mein Lehrer hat mich gefragt, ob der der Artikel in einer Kirchenzeitung veröffentlichen darf.

      Gefällt 3 Personen

    1. mynewperspective

      Lieber Richard,
      vielen herzlichen Dank! Es ehrt mich zutiefst, dass Du die Geschichte im nächsten Schulgottesdienst zitieren würdest. Sehr, sehr gerne. Mein Lateinlehrer, der übrigens auch mein Religionslehrer war, wäre mächtig stolz … und ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung, die mir heute noch schöne Überraschungen, wie Deine Frage, beschert. Was für ein Geschenk!
      Schöne Grüße
      Serap

      Gefällt 1 Person

  1. Heidrun Regina

    Liebe Serap,
    die 5- leuchtet wie eine 1 mit*.
    Was für eine tolle Lektion,

    nicht nur für Dich, auch für die Mitschüler und den Lehrer. Das hat er wohl auch noch nicht vorher gemacht!

    … und jetzt für uns.
    Manchmal ist mehr drin, als wir meinen!

    Dein Deutschlehrer hätte Dir für diese Geschichte sicherlich den wohlverdienten Ausgleich gegeben.
    Jetzt tun es die Religionslehrer – wie ich gelesen habe. *Grins*

    Danke und bis demnächst
    Heidrun

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspective

      Lieber Richard,
      sehr gern geschehen. Danke, dass es Dich so angesprochen hat. Hoffe, es ist gut angekommen. So etwas bleibt haften. Zumindest bei mir. 🙂
      Leider führt der Link zu einer leeren Seite wenn ich darauf klicke.
      Schöne Grüße
      Serap

      Gefällt mir

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