Pigmente

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Lange Jahre sind es her und ich nehme an einem Kurs für Kommunikationstechniken teil, der von einem Pfarrer in den Nebenräumlichkeiten einer Kirche gegeben wird. Mit insgesamt acht Teilnehmern wird es ein sehr intensives Wochenende, welches damit beginnt, dass alle sich reihum, vorgegebene Fragen beantwortend, vorstellen.

Nach und nach lernen wir die unterschiedliche Techniken der Kommunikation kennen und setzen diese auch miteinander übend in die Praxis um. Als die erste größere Pause anbricht, sitzen wir alle gemeinsam im Kreis und tauschen uns rege über diverse Themen aus. Auch ich trage zu dem ein oder anderen Thema bei, bis der Pfarrer mit folgenden Worten herausplatz:

„Also Frau Yildirim, jetzt muss ich es einfach sagen!“

Alle Augen im Raum sind jetzt gespannt auf den Pfarrer gerichtet.

„Wissen Sie, Sie sitzen vor mir, mit ihrem südländischen Aussehen, langen schwarzen Haaren, dunklen Augen und als ich sie heute das erste Mal sah, hatte ich sofort eine ganz bestimmte Vorstellung davon, wer sie sind. Aber jedes Mal, wenn Sie den Mund aufmachen, zerstören Sie das Bild, was ich von Ihnen habe.“

Wie alle anderen im Raum schweige auch ich und schaue den Pfarrer fragend an.

„Ich meine, Sie sprechen Hochdeutsch, sind artikuliert, studiert, arbeiten in einem Unternehmen, das Rang und Namen hat und sitzen jetzt hier in einer kirchlichen Einrichtung.“

Ich schmunzle. Aus diversen Gründen. Und erwidere:

„Abgesehen davon, dass dieser Kurs nichts mit der Kirche zu tun hat, bin ich keine Ausnahme, es sei denn, sie halten weiterhin an ihrem Bild fest und sehen in allen Personen, die, wie ich aussehen, das Bild, welches sie sehen wollen.“

Nach einem kurzen Austausch zu dem Thema widmen wir uns wieder anderen Dingen zu und nach der Pause geht es weiter mit Kommunikationstechniken. Beruhigend ist für mich zu wissen, dass auch ein Mann Gottes nicht perfekt und nur ein Mensch ist, der sich ebenfalls von Vorurteilen nicht freisprechen kann. Auch ist es beruhigend, dass ein Kommunikationstrainer, die Techniken der Kommunikation über Bord werfen kann, um das zu sagen, was gerade aus ihm herausplatzen möchte.

Fast zwei Jahrzehnte später, sitze ich auf meiner Terrasse und genieße die ersten Sonnenstrahlen des Jahres. Der immer größer werdende Durst zwingt mich förmlich, mich von der Sonne wegzureißen und Wasser zu mir zu nehmen. Die Terrassentür öffnend, gelange ich ins Wohnzimmer und bleibe verwundert stehen. Meine Orchideen, auf der anderen Seite des Raumes sind blau! Aber ich habe nie blaue Orchideen gekauft! Blaue Orchideen passen auch gar nicht zu meiner Einrichtung! Alles in meiner Wohnung ist darauf bedacht, miteinander in farblicher Harmonie zu stehen! Blau passt nun wirklich nicht hier rein!

Langsam, als sich meine Augen an das Licht im Zimmer gewöhnen, nehmen meine Orchideen wieder die Farbe an, für die ich sie gekauft habe. Sie integrieren sich auch farblich harmonisch wieder in das Wohnzimmerambiente.

Über meine Gedanken selbst schmunzelnd, werden die Worte des Pfarrers aus dem Kommunikationskurs von vor fast über zwanzig Jahren wieder wach. Wie schnell hatte ich, sonnengeblendet wie ich war, meine Orchideen aus dem Wohnzimmer verbannen wollen. Wie schnell hatte mich die bisher nicht wahrgenommene Pigmentierung aus der Bahn geworfen. Seitdem, werde ich tagtäglich daran erinnert, mich nicht sofort von einem Bild blenden zu lassen, denn die Deutung von Pigmenten, liegt nur im Auge des Betrachters.

© Serap Yildirim / 2018

 

 

Beitragsbild: Photo by Joe Pilié on Unsplash

4 Comments

  1. Canan Uzerli

    Jedes Mal werde ich überrascht vom Verlauf und Ausgang deiner Geschichten, auch heute wieder. Alle Geschichten empfinde ich daher auch immer als sehr spannend…früher las ich gerne Krimis, der Spannung wegen…heute lese ich gerne deine Geschichten, denn jedes Mal ist es so spannend, welche Erkenntnis daraus zu Tage tritt. Danke!

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    1. mynewperspective

      Vielen Dank, liebe Canan. … Vielleicht ist das Leben einfach ein Krimi, ohne das wir es wahrnehmen. Zumindest ist das Aufdecken von Mustern ein spannendes Kapitel des Lebens, auch wenn dahinter sich nicht unbedingt ein strafgesetzbuchwürdiges Verbrechen verbergen muss.

      Gefällt mir

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