Fassade

Die Geschichte von mir vorlesen lassen? Dann bitte Play-Button drücken.

 

Während ich mich nach einer großen Schüssel Salat an meinem Becher Kräutertee erfreue und nach wie vor auf meiner Matratze im Schlafzimmer sitzend den Aufbau meines Kleiderschrankes feiere, klingelt mein Handy.

Die Rufnummer ist mir unbekannt und obwohl ich in solchen Situationen den Anruf meistens nicht annehme, ist auch diesmal wieder eine Ausnahme.

„Serap Yildirim“

„Na endlich!“ klingt es genervt vom anderen Ende, gefolgt von einem kindlich fröhlichen, locker flockigem „Jetzt rate mal wer ich bin.“

„Konnte die Stimme jetzt nicht so schnell einordnen“, erwidere ich noch darüber staunend, wie schnell die Anruferin von einem Gemütszustand in einen komplett anderen wechselte.

„Na, ich bin es, …“

In der Sekunde, in der die Anruferin ihren Namen nennt, gibt auch mein Gehirn preis, wer mich gerade anruft.

„Hi.“

„Mensch, warum meldest Du dich den überhaupt nicht?“ werde ich gefragt, wobei der erste Teil des Satzes vorwurfsvoll und zum Ende hin eher traurig verzweifelt klingt. Bevor das Telefonat überhaupt richtig gestartet hat, schießen mir so viele unterschiedliche Emotionen entgegen, dass ich jetzt schon am liebsten auflegen würde.

„Na, das ist ja mal ein positiver Einstieg in eine Konversation“, erwidere ich trocken. Innerlich bin ich leicht genervt.

Am anderen Ende der Leitung spricht eine Freundin aus der ehemaligen Clique aus meiner Studienzeit. Mir ist sehr wohl bewusst, wie dieses Gespräch nun verlaufen wird und warum ich mich nicht mehr melde.

Die Freundin lacht auf. Schon wieder ein Stimmungswechsel. „Stimmt, nicht gerade gelungen.“ … „Mal im Ernst, warum meldest Du dich nicht? klingt es traurig fordernd. Ein weiterer Stimmungswechsel.

„Weil ich genug um die Ohren habe und versuche mein Leben irgendwie zu organisieren. Mehr Energie für alles andere bleibt leider nicht übrig.“

„Mir geht es auch nicht anders. Aber heute Abend habe ich mir fest vorgenommen, Dich anzurufen. Wie geht es Dir?“

Mit meinem Kleiderschrank als Ausblick und meiner Tasse Tee in der Hand, berichte ich kurz und auch recht sachlich, wie es zurzeit um mich steht. Zugegebenermaßen will ich das Gespräch kurzhalten und mich weiterhin an dem erfreuen, was ich an diesem heutigen Tag geschafft habe. Etwas, worauf ich stolz bin.

Ihr Leben ist ein Kontrastprogram.

Die Freundin berichtet davon, dass sie von einer Freundin der ehemaligen Clique erfahren habe, die wiederum von einer anderen Freundin aus der ehemaligen Clique erfahren habe dass ich wieder aus dem Ausland zurück sei. Diese Nachricht hatte somit fast vier Jahre gebraucht, um sich zu verbreiten. Die Freundin will wissen, was passiert sei und warum ich zurückkam.

Eine Zusammenfassung gebend, berichte ich darüber, was ich alles vergebens versucht hatte, um im ausgewanderten Land zu bleiben, letztendlich dem Ganzen aber ein unfreiwilliges Ende setzen musste. Auch berichte ich über meine mühevollen Bestrebungen hier wieder Fuß zu fassen, um aus dem Überlebensmodus in den Lebensmodus übergehen zu können. Zum krönenden Abschluss erzähle ich, dass ich nun glücklich wie Bolle auf meiner Matratze sitze und nun stolze Besitzerin eines Kleiderschrankes bin, den ich heute aufgebaut habe.

Während ich in den paar Minuten die letzten fünf Jahre meines Lebens zusammenfasse, kann ich erahnen, was dies für die Freundin bedeuten wird. Ihr Leben ist ein Kontrastprogram zu meinem. Nach dem Studium fand sie relativ schnell eine Anstellung als Ingenieurin. Seit langen Jahren arbeitet sie nun für das Unternehmen. Mittlerweile hat Sie und ihr Ehemann ein Haus finanziert, es geschmackvoll eingerichtet und der große Geldfluss ihres Vaters bei all dem war mehr als meine Familie je hätte beiseitelegen können. Während ich – auch vor meinem Auswandern – teilweise von Hand in den Mund lebte und es mir nach dem Studium finanziell wesentlich schlechter ging, als während meiner Studienzeit, schlug sich die Freundin mit Problemen herum, wie, dass sie sich nur den Kaffeevollautomaten für 1200 Euro leisten konnte und nicht die doppelt so teure Version, die sie viel lieber gekauft hätte.

Mein Gefühl trügt nicht. Die Freundin sieht in all meinen knappen Ausführungen der zahlreichen Verluste, welchen Gewinn ich in den Händen halte. Die Selbstverständlichkeiten ihres Lebens, sind die Freuden meines. Dabei ist die Freundin nicht undankbar für das, was sie besitzt und auch erschaffen hat. All der Luxus, den sie sich gönnt ist ein verzweifelter Versuch, eine sehr essenzielle Lücke in ihrem Leben zu füllen, die mit all den Reichtümern nicht zu füllen ist. Für die Freundin, bin ich vielleicht sogar ein schmerzhafter Schlag ins Gesicht, den während sie mit einem fortlaufenden und nicht unbedeutenden Einkommen ständig im Minus ist, lebe ich ihr vor, dass man auch ohne Dispositionskredit und mit einem Minimalbudget viel erreichen und Freude finden kann.

Das, was unser Auge sieht und blendet kann nur die glitzernde Fassade sein, …

Nicht zum ersten Mal höre ich mir die Geschichte ihrer Kaufsucht an und auch die verzweifelten Versuche, aus diesem Teufelskreis auszubrechen. Immer wieder meinen Kleiderschrank betrachtend, lausche ich ihren traurigen Worten und kann ihr nur die Tipps geben, die ich ihr schon zum x-ten Male und seit Jahren gebe. Wie immer in den Gesprächen mit ihr, fühle ich, dass sich ihre Energie während des Gespräches steigert und meine sinkt. Zum Ende des Telefonats höre ich den bekannten Satz von ihr: „Ach, mir geht es immer so gut, wenn ich mit Dir gesprochen habe.“

Nachdem wir auflegen, spüre ich den Ballast der Freundin, der auf mich abgeladen wurde. Wie immer hatte ich mich darauf eingelassen. Es gehören bekanntlicherweise immer zwei Personen dazu. Dies war der signifikanteste Grund, warum ich Abstand zu ihr hielt. Es war mir nicht möglich, mich von ihr abzugrenzen. Meinen Kleiderschrank betrachtend, entschließe ich mich, diesen Ballast sofort loszuwerden. Er gehört nicht mir. Dies war ein schöner Tag und viel zu schade, um ihn so schwer zu beenden.

Von außen betrachtet würde ich, wie viele andere auch, mir das Leben der Freundin und nicht meins wünschen. Das, was unser Auge sieht und blendet kann jedoch nur die glitzernde Fassade sein, die Kulisse dahinter nicht erstrebenswert. In diesem Moment in meinem Leben merke ich einmal mehr, dass es nicht immer lohnenswert ist, sich mit anderen zu vergleichen, es sei denn, dies gibt uns einen positiven Antrieb, etwas in unserem Leben zu verbessern.

© Serap Yildirim / 2018

 

 

Beitragsbild: Photo by Joel Filipe on Unsplash
Musik für Audio: http://www.orangefreesounds.com/debussy-arabesque/

19 Comments

  1. Heidrun Regina

    Liebe Serap,
    eine interessante Begegnung, die Du da beschreibst.
    Sie steht für viele in der Gesellschaft, die Ruhm und Reichtum vorweisen können, doch innerlich leer und hungrig geblieben sind….
    ….und die vielen, die Herausforderungen gemeistert haben, daran gewachsen sind und sich die Freude an den kleinen Dingen bewahrt haben, jedoch die kollektiv anerkannten Sachwerte nicht im Leben erarbeitet haben.
    Mögen ALLE die bedingungslose Liebe ihrer Seele erfahren, daran Kraft tanken und keine Energien von anderen mehr bewusst oder unbewusst abziehen. Mögen ALLE klare energetische Grenzen entfalten in Selbstliebe und gegenseitiger Achtung.
    Wow, wie würden Begegnungen ablaufen, die beide energetisch höher schwingen lassen?!
    Danke für den Anlass, den Du mir dazu gegeben hast, zur Erkenntnis zu kommen, wie wichtig es doch ist, dass wir win-win Situationen kreieren, um Leid zu verringern.
    Von Herzen alles Gute
    von Heidrun

    Gefällt 2 Personen

    1. mynewperspective

      Liebe Heidrun,
      Du hast es sehr schön auf den Punkt gebracht. Wünschenswert wäre es, wenn ALLE Menschen in Selbstliebe sich selbst achten und somit auch Achtung dem Menschen gegenüber schenken können. Es ist sicherlich ein weiter Weg, aber nicht unmöglich.
      Danke für Deinen Beitrag.
      Herzensgrüße
      Serap

      Gefällt 1 Person

      1. Heidrun Regina

        Liebe Serap,
        ES suchte in mir nach LÖSUNG für dieses „Gesellschaftsspiel“, für das Dein Telefonat ein berührendes Beispiel war. SELBSTLIEBE haben wir gemeinsam gefunden. Das macht uns stark und immun gegen „Energiesauger“. Jedoch nicht im Sinn von Kampf und Ablehnung, Verurteilung und Schuldverteilung….. Das ist das Alte, was ausgedient hat. Selbstliebe lädt das Gegenüber ein, selbst Liebe für sich zu generieren. Sie ist ansteckend im Sinn von ALLE gewinnen, wenn wir sie Leben. Die neue Zeit will alles bedingungslos in die Liebe bringen. Wie das geht, üben wir. DU und ICH und ALLE. Lassen wir den Weg so kurz wie möglich werden. Von Herz zu Herz ist er ganz nah. JETZT pocht ES zu Dir und freut sich.
        Heidrun

        Gefällt 1 Person

        1. mynewperspective

          Liebe Heidrun,
          ja, mit der Selbstliebe wäre alles wesentlich herzlicher. Dann würde es auch keine Energiesauger mehr geben, denn auch diese würden sich selbst lieben und müssten sich nicht – bewusst oder unbewusst – an der Energie anderer Menschen laben.
          Möge die Selbstliebe jedes einzelne Herz erobern.
          Von Herz zu Herz
          Serap

          Gefällt 2 Personen

    1. mynewperspective

      Wie wahr, wie wahr! Genau so ist es. Ich habe zahlreiche Beispiele wahrer Freunde in meinem Leben, die ich teilweise jahrelang nicht sehe und wenn wir uns dann treffen, fühlt es sich so an, als ob das letzte Treffen erst gestern wahr. Unbezahlbar!

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  2. Canan Uzerli

    Liebe Serap, vielen Dank für diese (wie immer) so wunderbar erzählte Geschichte aus deinem Leben! Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie manche Menschen so sehr in ihrem Film sind und dadurch den Feinsinn verlieren für das Gegenüber…man könnte ja meinen, sie hätte es zwischen den Zeilen hören können, dass Du gerade gar nicht so offen für einen Austausch bist….aber es macht auch deutlich, wie wichtig die eigene Abgrenzung und das Kommunizieren dieser ist…ganz vielen lieben Dank Dir für’s Erinnern! Von Herz zu Herz (mein Lieblingsslogan)! 🙂

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    1. mynewperspective

      Liebe Canan,
      herzlichen Dank für Deine Zeilen.
      Es gibt sicherlich sehr unterschiedliche Gründe, warum Menschen nicht wahrnehmen können, wie sie in gewissen Situationen auf andere Wirken bzw. welche Wirkung sie bei anderen hinterlassen. Wichtig ist, wie Du auch schreibst, die eigene Abgrenzung und auch die Kommunikation dieser. Wenn ich damals refelektierter gewesen wäre bzw. schneller reagiert hätte, wäre das Gespräch kurz nach dem „Warum meldest Du Dich nicht?“ auch zu Ende sein können bzw. wäre anderes verlaufen. Wichtig ist es (für mich) zu sehen, welchen Beitrag man selbst in solchen Situationen leistet und als ersten Schritt wahrnimmt, ob diese Art von Beziehung überhaupt noch für das eigene Leben in Frage kommt.
      Danke Dir sehr fürs Lesen!
      Von Herz zu Herz … ❤❤❤
      Serap

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  3. Alexandra

    Schöner Text – wir entscheiden, ob wir Ballast annehmen oder uns energetisch aussaugen lassen. Und vergleichen sollten wir uns nur mit uns selbst, damit wir besser werden können! Alles Liebe!

    Gefällt 1 Person

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