Wille & Weg

Die Geschichte von mir vorlesen lassen? Dann bitte Play-Button drücken.

 

Nach über einem Jahr in meiner neuen Wohnung herrscht einrichtungsmäßig noch große Ebbe. Mit dem Wenigen, mit dem ich damals eingezogen bin, lebe ich noch weiterhin. Der damalige Teilzeitjob deckt dankenswerterweise die nötigen monatlichen Ausgaben.

Monatlich spare ich das restliche Geld – welches sich größtenteils im einstelligen Bereich bewegt – und lege es bei Seite, um mir irgendwann einen Kleiderschrank zu leisten. Bis dahin besteht die Inneneinrichtung meines Schlafzimmers aus einer Matratze, zwei Kleiderständern und die sorgfältig gestapelten und sortierten Umzugskartons, in denen sich die nichtsaisonale Kleidung, Bettwäsche und Sonstiges befindet.

Als mein gespartes Geld für einen akzeptablen Kleiderschrank ausreicht, mache ich mich auf die Suche und werde in einem schwedischen Einrichtungshaus fündig. Richtig dekadent wird es, als ich mir den Kleiderschrank zwecks mangelndem Fuhrpark sogar bis in die Wohnung anliefern lasse.

Während die Packstücke des angelieferten Kleiderschrankes in meinem leeren Flur an die Wand gelehnt sind, wandere ich mehrmals den Flur auf und ab und freue mich wie ein kleines Kind, dass unter dem Weihnachtsbaum all die Geschenkpakete für sich entdeckt hat und auf Bescherung wartet. Nachdem ich mir genügend Zeit für die Vorfreude gebe, beginne ich mit dem schweren Paketstück Nummer eins, welches ich mühsam ins zuvor leergeräumte Schlafzimmer ziehe, an, meinen Kleiderschrank aufzubauen.

Nach Anleitung wird erst der Rahmen zusammengeschraubt und mit jedem Teil fiebere ich dem fertigen Kleiderschrank entgegen, damit ich zukünftig nicht mehr auf Kleiderständer und Umzugskartons zurückgreifen muss. Nachdem der Kleiderschrankrahmen fertig ist, muss die Rückwand per Nägel eingehämmert werden. Da ich merke, dass die Mittagsruhezeit eingebrochen ist, pausiere ich zwangsläufig und bereite mir einen grünen Tee zu und setze ich dann mit meiner Tasse in den Rahmen, der auf dem Schlafzimmerboden liegt, und plane zwei Stunden lang, wie ich meinen Kleiderschrank einrichten werde.

Die Mittagsruhe ist vorbei und nach mehreren Tassen Tee und zahlreichen Kleiderschrankorganisationsideen, schnappe ich Hammer und Nägel und arbeite fleißig weiter am Aufbau. Dreißig Mal hallt es durch meine fast leere Wohnung während ich Nagel für Nagel die Rückwand meines Schrankes fest einhämmere.

 

der Kleiderschrank ist viel zu schwer, um von mir hochgehoben zu werden.

 

Geschafft! Stolz lege ich den Hammer zur Seite und bewundere mein Kunstwerk, welches auf dem Fußboden liegt. Als mir bewusstwird, dass mein Kleiderschrank nicht dafür gedacht ist, für immer auf dem Boden zu liegen und dieser von mir noch hochgehievt werden muss, kommen mir Zweifel auf, ob ich alles auch wirklich gründlich durchdacht hatte.

Fakt ist, dass der Kleiderschrank viel zu schwer ist, um von mir hochgehoben zu werden. Fakt ist, dass der Kleiderschrank flächenmäßig fast genauso groß ist, wie der Fußboden des als ½ Zimmer geltenden Schlafraumes und drumherum kaum Platz für eine zweite Person ist, wenn diese zweite Person als Hilfe überhaupt zur Verfügung stehen würde. Fakt ist auch, dass ich mit der Rückwand an den Rahmen gehämmert, gar keine Grifffläche mehr habe, um den Kleiderschrank hochzuheben.

Da stehe ich nun, fragend und frustriert und suche nach der Lösung für mein Problem. Irgendwie schaffe ich es nach mehreren Ansätzen, merkwürdigen körperlichen Verrenkungen und unter gesamten Körpereinsatz, eine Ecke des Kleiderschrankes leicht anzuheben, um mit einem Fuß ein Magazin darunter zu schieben. Dies gibt mir etwas Spielraum um die Ecke des Schrankes noch weitere Zentimeter anheben zu können, während ich diesmal ein dickes Buch darunter schiebe.

Glücklich mit meiner Leistung, wiederhole ich das Ganze an der anderen Ecke, wo es jetzt um einiges leichter von der Hand geht und mache mich dann daran, den Schrank hochzuheben. Der fehlende aber durchaus nötige Raum im Zimmer stellt mich jedoch vor eine weitere Herausforderung. Sollte ich kräftemäßig überhaupt in der Lage sein, den Schrank hochzuheben, bleibt mir kein Spielraum und mein Hochkreuz presst sich fest gegen die Fensterbank. Schiebe ich den Schrank etwas von mir weg, um mir etwas Raum zu verschaffen, müsste ich ihn beim Hochheben irgendwann wieder ein Stück weit nach vorne ziehen und ob ich das schaffen würde, stelle ich kräftemäßig in Frage.

Meine Verzweiflung wird immer größer. Auch eine Teepause mit intensiven Überlegungen nach Alternativen bringt mich nicht weiter. Die Nachbarn arbeiten noch oder sind gebrechlich genug, um keine Hilfe zu sein. Mein Kampfgeist sieht nur eine Lösung: Hohlkreuz ans Fensterbrett pressen und hoch mit dem Schrank! Jetzt glaube ich daran, dass es machbar ist … oder sein könnte … oder zumindest ein Versuch wert?

Damit es gleich erträglicher wird, lege ich ein fluffiges Handtuch auf das Fensterbrett und lasse es runterhängen, damit es mein Hochkreuz etwas sanfter hat. Es hilft nicht wirklich, aber ich glaube trotzdem daran. Schließlich sollen diese bekanntlicherweise Berge versetzen. Mit einem Hauruck und vor allem einer Riesenportion an Entschlossenheit, schaffe ich es den Schrank bis knapp über Kniehöhe hochzuheben. Die kurze Freude wird von der Frage getrübt, wie ich den Rest schaffen werde.

 

Verdammt noch mal! Ich brauche Hilfe!

 

Der Kleiderschrank scheint mit jedem Zentimeter höherheben schwerer zu werden und meine Kraft reicht definitiv nicht aus. Damit ich die vorhandene Höhe des hochgehobenen Schrankes halten kann, gehe ich leicht in die Knie, die Fensterbank in meinem unteren Rücken sehr schmerzhaft spürend, lege den Schrank auf den Knien ab und Weile in dieser Stellung für einen Moment. Bisher ganz schön. Und nun?

Meiner Verzweiflung gesellt sich jetzt die nötige Position Wut hinzu. Wie lange soll ich denn noch auf den Knien den Schrank hochhalten, während sich die Fensterbank in mein Rücken bohrt? Wo sind eigentlich bitteschön die göttlichen und/oder kosmischen Mächte, wenn man sie mal braucht? „Hey, ich brauche Hilfe!“ rufe ich auf irgendeine Unterstützung hoffend. Es passiert nichts und der schwere Schrank treibt mich langsam weiter runter in die Knie.

Mal im Ernst. Ich stecke in einer Situation fest, wo ich buchstäblich keinen Raum habe, um mich irgendwie herauszuwinden. Meine Wut wird spürbar stärker und ein lautstarkes: „Verdammt noch mal! Ich brauche Hilfe! Habt ihr verstanden?!“ schieß aus meinem Mund. Keine Ahnung, wer mich gehört hat, aber mit irgendeiner Kraft und einem Schwung hebe ich den Schrank nun komplett hoch und lasse ihn erst los, als er ohne auch nur auf dem Boden zu plumpsen oder gar gegen die Wand zu prallen, auf dem Fußboden steht. Nur etwa ein Zentimeter von der Wand entfernt. Das nenne ich Maßarbeit! Noch unter Wuteinfluss rufe ich: „Na also, geht doch! Warum nicht gleich so?!“ Nachdem meine Wut danach schnell Abschied nimmt, schiebe ich ein sehr ernst gemeintes und sanftes „Danke.“ hinterher.

Der Schrank steht und trete zurück, um ihn mit Stolz zu betrachten. Mit Wasserwaage und Plättchen bewaffnet gleiche ich die Unebenheit des Fußbodens aus und bringe den Kleiderschrankrahmen in Waage. Nach und nach werden die Schiebetüren eingehangen, die Schubladen zusammen- und eingebaut und aus dem Kleiderschrankrahmen entwickelt sich ein komplett fertiger Kleiderschrank. Mein Kleiderschrank. Der erste nach so vielen Jahren.

Da es schon Abend geworden ist und ich seit dem Frühstück außer Tee nichts mehr zu mir genommen habe, bereite ich mir zur Feier des Tages eine große Schüssel Salat zu. Meine Matratze ziehe ich vom Wohnzimmer, den langen Flur entlang ins Schlafzimmer und platziere mein Bettzeug darauf. Aus gegebenem Anlass nehme ich mein Abendessen mit ins Bett. Sprich: Ich setze mich auf meine Matratze und nehme mit einem Ausblick auf meinen neuen Kleiderschrank mein Festschmaus ein. Auch wenn dies nur ein Möbelstück ist, bedeutet es weitaus mehr für mich. Ich feiere Richtfest zum Aufbau meines Kleiderschrankes, auf meiner Matratze hockend und genüsslich meinen Salat kauend.

© Serap Yildirim / 2018


Beitragsfoto: Photo by Andrej Lišakov on Unsplash
Musik für Audio: http://www.orangefreesounds.com/piano-sonata-no-11/

10 Comments

  1. Heidrun Regina

    Eine ganz besondere Gute-Nacht-Geschichte über Vertrauen, Durchhaltevermögen, Kraft und einem kleinen „Wunder auf Anforderung“ bringt mich heute ins Bett. Amüsant vorgetragen von einer tatkräftigen Frau, die sich nicht unterkriegen lässt. Meine Hochachtung lege ich Dir als Nachspeise vor Deinen Kleiderschrank. Die Richtfest-Party hast Du Dir wahrlich verdient!
    Liebe Serap – eine gelungene Meisterleistung!
    Herzlich Heidrun

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