Grenzen sprengen

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Nach zwei Semestern gemeinsam auf einem Flur im Studentenwohnheim trennen sich räumlich die Wege meiner schwesterlichen Freundin und mir. Uns verschlägt es auf unterschiedliche Kontinente, doch im Herzen sind wir verbunden.

Einige Jahre später mache ich mich mit einer abenteuerlichen Reise, die fast zwei Tage dauert, auf den Weg, um endlich meine liebe Freundin mal wieder in die Arme zu schließen. Als sie und ich ungefähr ein Jahr nach dem Besuch miteinander telefonieren, erzählt sie, dass sie fleißig Geld spart, um einen Gegenbesuch abzustatten, auch wenn dieser sicherlich sich um Jahre hinausziehen wird. Alleine die Tatsache, dass meine Freundin mit diesem Gedanken spielt, berührt mich sehr.

In den Jahren darauf – in einer Zeit, wo das Internet noch nicht zum täglichen Leben gehört – telefonieren wir immer wieder einmal und ich habe ein schlechtes Gewissen wenn meine Freundin anruft, weil das Telefonat viel Geld kostet und im Ländervergleich wesentlich mehr auf den Geldbeutel schlägt, als wenn ich sie anrufen würde.

Als ich dies Mal zur Sprache bringe erzählt meine Freundin, dass sie sich ausgerechnet hat, was es kosten würde, wenn wir gemeinsam Essen gehen und einen Abend auswärts verbringen würden. Für genau die Summe hat sie sich eine Telefonkarte gekauft und die telefoniert sie jetzt in diesem Moment mit mir ab. Es würde zwar nicht so lange halten, wie ein gemeinsamer Abend, aber genug, um mal wieder miteinander gesprochen zu haben.

~~~

Jahre später, als die Technologie fortschreitet und E-Mails anfangen, Alltag zu werden, erreicht mich eine bedeutende von einer Verwandten aus dem familiären Heimatland. Meine Verwandte spricht lang und breit ihr Bedauern aus, dass wir uns gar nicht mehr sehen können (weil ich sie nicht mehr so häufig besuche) und dass keine Gelegenheit für sie besteht, öfters in Kontakt zu treten. Nachdem ich die ausführliche E-Mail mit all den Limitierungen und Nichtmachbarkeiten meiner Verwandten lese, werde ich stutzig.

Nichts von dem, was sie schreibt, ist mir unbekannt. All diese Argumente höre ich bereits zum x-ten Male. Was neu ist, ist die Frage, die ich mir zum ersten Mal selbst stelle: Warum schafft es meine Freundin, unter ähnlichen Umständen den Kontakt nicht abzureißen, während meine Blutsverwandten, schon seitdem ich denken kann, keine Möglichkeit sehen, ihrerseits den Kontakt aufrecht zu erhalten?

Wenn ich zurückblicke, sehe ich, dass wir während meiner Kindheit fast jedes Jahr in die Heimat fahren. Das Auto voll bepackt, fiebern wir, nach zwei bis drei Tagen anstrengender Autofahrt, auf ein Wiedersehen mit den Verwandten entgegen. Wenn wir nicht gerade Familienurlaub in der Heimat machen, nutzen wir jede Möglichkeit der Kommunikation, die zur damaligen Zeit möglich ist. Es versteht sich von selbst, dass alles auf unsere Kosten geht, weil die Verwandten im Verhältnis weniger Möglichkeiten haben. Alles ist, so wie es ist, völlig selbstverständlich, bis mir meine Freundin etwas anderes vorlebt.

Hat meine Verwandte wirklich so viel weniger, dass es überhaupt keine Möglichkeit für sie gibt, den Kontakt zu halten? Ist es wirklich so schwer oder teuer, mal ein paar Zeilen auf eine Postkarte zu kritzeln und diese abzuschicken? Ist meine Verwandte dermaßen bequem und nimmt gerne an, aber hat nichts zu geben? Fehlt es an Liebe in der Familie oder kann diese nur gezeigt werden, wenn es gerade „passt“, weil der andere sich die Mühe gemacht hat, ein paar Tausend Kilometer Fahrt in Kauf zu nehmen?

Mein verletztes Ego beantworte diese Fragen jahrelang immer und immer wieder um sich selbst zu bestätigen, im tiefsten Inneren spüre ich jedoch, dass es hier um etwas anderes geht.

~~~

Fast ein Jahrzehnt später, als ich mit einem Freund, der auf der anderen Seite des großen Teiches lebt, per E-Mail korrespondiere, berichte ich freudig, wie sehr ich mich schon auf einen nächsten Besuch freue, den der letzte ist bereits ein paar Jahre her. Die Freude es Freundes über diese Nachricht ist aus den Zeilen seiner Antwort herauszulesen. Ein kleiner Schock tritt bei mir ein, als ich im nächsten Satz lese, dass er gedacht hat, dass wir uns nie wiedersehen würden. Diesen Gedankengang kann ich nicht im Geringsten nachvollziehen, den ich erzähle ständig davon, dass ich es kaum abwarten kann, den nächsten Besuch zu planen. Der Freund antwortet, dass er vieles in seinem Leben nicht für möglich gehalten hat und jetzt nach und nach immer mehr realisiert, wie lächerlich dieser Gedanke ist.

Die Antwort die der Freund für sich gefunden hat, ist auch die Antwort auf die Frage, warum meine Freundin etwas schafft und meine Verwandten nicht. Gefangen innerhalb der eigenen Grenzen, werden vorhandenen Möglichkeiten nicht gesehen. Was nützt es, dass die Welt immer mehr zusammenrückt, die Kommunikationswege immer einfacher werden, die Möglichkeiten sich häufen, wenn die eigenen Gedanken keinen Spielraum bieten? Jetzt ergibt das Bedauern, das Leiden, das Verzweifeltsein meiner Verwandten einen Sinn.

Wer sein Denken auf Limitierungen lenkt, findet keine Wege und leidet unter den selbst gesetzten Grenzen. Wer sein Denken auf Möglichkeiten lenkt, findet innerhalb der äußerlich gesetzten Rahmen mindestens einen Weg, um sein Ziel zu erreichen.

© Serap Yildirim / 2018

Geschichte auch mal vorgelesen bekommen? Dann bitte Play-Button drücken.

 

Beitragsbild: Photo by Eder Pozo Pérez on Unsplash
Musik für Audio: http://www.orangefreesounds.com/requiem-piano-mozart/

19 Comments

  1. hummelweb

    Liebe Serap,
    vielen Dank für deinen Beitrag, der mich gerade sehr berührt. Ich denke, überlege und spüre, dass ich selber viel zu oft mein Denken auf Limitierungen lenke. Die Frage, die sich mir stellt, ist die, wie ich es schaffe, das Denken auf Möglichkeiten zu lenken, nicht im Vorhinein alles zu negieren, was mir zu träumerisch, zu gewagt, zu unmöglich erscheint. Das ist wahrscheinlich eine Frage der Übung, des immer wieder sich daraufhin Überprüfens.
    In Bezug auf Andere, denen ich auch schon mal mangelndes Interesse, fehlende Liebe o.ä. unterstelle, ist dein Ansatz jedenfalls sehr nachvollziehbar und und tut mir gut. Gedankenfutter jedenfalls für heute.
    Einen schönen Tag noch,
    Hummel

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    1. mynewperspectivesite

      Liebe Hummel,
      gern geschehen.
      Es ist sicherlich erst einmal wichtig, sich bewusst zu werden, dass man sich limitiert. Wenn man dies realisiert hat, kann es hilfreich sein, herauszufinden, warum das so ist (irgendeinen Grund hat es immer) oder überspringt den Punkt und nimmt sich vor, dass man es in der Zukunft anders macht. Dies ist eine bewusste Entscheidung, die meines Erachtens mit Mut, Ausdauer und vor allem auch Selbstliebe zu tun hat.
      Wer sagt denn, dass unsere Gedanken „zu träumerisch, zu gewagt, zu unmöglich“ sind? Wenn unsere Welt darauf basieren würde, gebe es keine Raketen, die ins Weltall fliegen, die Erde wäre immer noch eine Scheibe, die Glühbirne nicht erfunden, …
      Man muss ja nicht gleicht das gesamte Leben auf den Kopf stellen. Ein kleines Projekt nach dem anderen hilft, um nicht auf dem gleichen Stand zu bleiben und um nach und nach neue Sichtweisen zu adaptieren. Wir selbst können steuern, was wir lernen können und wollen.
      Danke Dir ganz herzlich für Deine Zeilen und diesen wertvollen Beitrag.
      Alles Liebe
      Serap

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  2. Canan Uzerli

    Ich liebe es, wie Du immer wieder so wichtige Erkenntnisse mit den Anekdoten deines Lebens verbindest (letztlich entstehen sie ja daraus) das ist so anschaulich und inspiriert mich noch mal 1000x mal mehr, als wenn die Erkenntnis nur alleine stünde…wunderbar und einfach Danke von Herzen!

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    1. mynewperspectivesite

      Liebe Canan,
      danke Dir gaaaaanz herzlich für diese schöne Rückmeldung. Da ich selbst in Geschichten und Bildern denke, fällt es mir leichter aus ihnen die nötigen Erkenntnisse herauszuziehen, auch wenn es manchmal einige Jahre braucht. Es sind die Puzzlestücke meines Lebens, die sich zu Bildern formen. Einige Puzzles haben mehr und einige wiederum weniger Teile, die das gesamte Bild ergeben. Auch in den kompletten Bildern gibt es immer wieder etwas Neues zu entdecken, etwas Neues zu lernen.
      Es bedeutet mir sehr viel, wenn jeder Leser für sich selbst etwas aus der Anekdote, die ich hier teile, für sich rausziehen kann, so wie Du 🙂
      Danke Dir von Herzen!
      Liebste Grüße
      Serap

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  3. Heidrun Regina

    Liebe Serap,
    heute habe ich mir zum 1. Mal das Vergnügen gegönnt, Deine Stimme zu hören und Deinem tiefsinnigen Beitrag zu lauschen. Deine Worte sickern tiefer, im Tonfall Deiner lebendigen Schilderung, berühren mich mit ihrer Wahrheit und erinnern mich an meine Freiheit, die ich mir jederzeit in Gedanken gewähren kann. Grenzen kennt wohl nur der Verstand. Das Herz schafft Verbindungen.
    In diesem Sinn – verbundensten Dank
    von Heidrun

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    1. mynewperspectivesite

      Liebe Heidrun,
      beim Lesen Deines Kommentars, füllten sich meine Augen mit Tränen der Dankbarkeit. Deine Worte berühren mich so sehr und mein Herz freut sich darüber, dass ich nicht nur mit meiner Geschichte, sondern auch mit meiner Stimme derartige Gefühle in Dir auslösen durfte.
      Deine Sätze „Grenzen kennt wohl nur der Verstand. Das Herz schafft Verbindungen.“ werden mich jetzt erst einmal begleiten und ich danke Dir für die Verbundenheit, die ich in meinem Herzen spüre.
      Herzlichst,
      Serap

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      1. Heidrun Regina

        Das macht das Herz, liebe Serap. Wir erleben es gerade. Noch nie sind wir uns persönlich begegnet, doch die Nähe ist fühlbar. Eine schöne Nähe… ❤ und wir mussten keine Grenze sprengen, denn auf Herzebene besteht keine.
        Alles Liebe von Heidrun und danke für Deine Wahrhaftigkeit.

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    1. mynewperspectivesite

      Liebe Beatrice,
      gern geschehen. Danke Dir sehr, für Deinen Kommentar.
      Wie treffend Du es formuliert hast. Unsere „Gedanken werden Dinge“. Da ist es doch gut, daran erinnert zu werden, dass wir gute Gedanken in unser Leben lassen und die unnützen nicht mit uns herumtragen.
      Von Herz zu Herz
      Serap

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  4. Christine F. Behrens

    Liebe Serap, ich bin ganz Deiner Meinung. Die Grenzen setzen wir uns selbst, spielen Ping-Pong bis dahin und nicht weiter, um schließlich zu glauben, dass der aufgebaute Lattenzaun tatsächlich der Rand des Horizonts sein könnte. Es ist immer der erste Schritt dies zu erkennen, den zweiten finden wir dann in dieser Erkenntnis, denn wir beobachten dann die Dinge, die auf uns zukommen mit anderen Augen. Es ist dann ein Treppensteigen mit niedrigen Stufen, doch sie führen uns ganz sicher in eine ganz besondere Welt. Lieben Gruß Christine

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    1. mynewperspectivesite

      Liebe Christine,
      für mich gibt es kaum Worte, die ich deinem so wertvollen Kommentar hinzufügen könnte. So treffend formuliert und inspirierend. Wir setzen unsere Grenzen selbst und sollten entscheiden, welche tatsächlich dienlich sind und welche nicht.
      Einen ganz lieben Gruß,
      Serap

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  5. miesvandenbergh

    Guten Morgen Serap,
    wie würden sich all jene Menschen fühlen, wenn sie ganz wach und bewusst den Satz „Ich habe dafür gerade keine Zeit.“ in den Satz „Dafür möchte ich mir die Zeit nicht nehmen.“ tauschen würden?
    Schön geschrieben. 😊 lg Olaf

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