Der Überlegenheit unterlegen

Um Punkt 8:00 Uhr morgens klingelt im Büro das Telefon. Es ist ein interner Anruf und bevor ich den Hörer abhebe, beschleicht mich ein merkwürdiges Gefühl, über das ich mich wundere.

„Guten Morgen, Frau Kollegin“, strahle ich in den Hörer hinein.

Ohne ein erwidernder Gruß schießen mir folgende Worte aus der Ohrmuschel entgegen: „Also, ich würde gerne einmal wissen, wie Sie da hochgekommen sind.“

Für einen Bruchteil von einer Sekunde stutze ich, merke jedoch gleichzeitig, dass meine sonst so träge Schlagfertigkeit jetzt zu 120% einsatzbereit ist.

„Vielen Dank für die Nachfrage“, entgegne ich höflich ignorierend, „ich habe heute Morgen, wie immer, den Aufzug genommen“.

Selbstverständlich will die Kollegin nicht wissen, wie ich heute ins Büro gekommen bin, sondern wie ich es geschafft habe, einen Job im Büro der obersten Chefetage zu ergattern, obwohl ich erst seit zwei Jahren in dem Unternehmen bin.

„Wissen Sie eigentlich, wie viele von uns gerne da oben arbeiten würden?“ fragt mich die Kollegin meine Ignoranz ignorierend.

„Nein“, entgegne ich sachlich trocken „sind diese Fragen der Grund Ihres Anrufes?“

Als die Kollegin zum zweiten Mal gegen eine Wand prallt, kommen wir zum geschäftlichen Teil des Telefonats, der in ein paar kurzen Sätzen abgeschlossen ist. Bevor ich das Gespräch beenden will, weil meinerseits alles gesagt wurde, setzt die Kollegin nochmals an:

„Wissen Sie, Frau Yildirim. Als eine erfahrene Kollegin möchte ich Sie gerne auf etwas aufmerksam machen.“

„Sehr gerne. Um was geht es?“

„Bisher habe ich Sie zwei Mal sehr angeregt mit dem Hausmeister sprechen sehen …“

„Sie meinen, mit Herrn …?“ den Nachnamen des Hausmeisters nennend.

„… Jaah, genau, mit ihm.“ Es erweckt den Anschein, dass die Kollegin den Namen des Hausmeisters zum ersten Mal hört.

„Und worum geht es genau?“

„Sie repräsentieren jetzt die Geschäftsführung. Da ist es angebracht, dass Sie ein nicht so kollegiales Verhältnis zu ihm pflegen. Schließlich sind Sie in der Position, ihm Aufträge zu erteilen, die er auszuführen hat.“

„Was der Herr Kollege auch tut.“

„Ja, natürlich, dass muss er schließlich. Sie sollten etwas Abstand zu ihm halten, weil …“

„… ich jetzt die Geschäftsführung repräsentiere!“ beende ich den Satz der Kollegin.

„Ja, genau.“

„Danke, ich werde über Ihren Ratschlag gerne nachdenken“, erwidere ich trocken.

Mein Gegenüber scheint zufrieden zu sein und fragt mich, wann wir wieder einmal gemeinsam zu Mittag essen werden. Das letzte Mal sei schon eine Weile her und sie wisse, dass ich immer über Wochen hinaus ausgebucht wäre.

Meiner erfahrenen Kollegin teile ich mit, dass ich ab sofort leider nicht mehr mit ihr zu Mittag essen kann, da ich von ihr selbst den Ratschlag bekommen habe, Abstand zu den Kollegen zu halten, die meine Aufträge ausführen müssen, da ich jetzt die Geschäftsführung repräsentiere, und auch sie nun per Definition zu diesem Personenkreis zählt.

Für einen kurzen Moment herrscht Stille am anderen Ende der Telefonleitung.

„Aber, Sie können mich doch nicht mit ihm gleichsetzen!“ schießt es mir dann empört entgegen.

Auf meine Frage, warum ich dies nicht könnte, da nach der Definition der Kollegin alle Kollegen in die von ihr definierte Kategorie gehören, erwidert sie, dass sie schließlich studiert hätte und nicht gleichzusetzen sei, mit dem Hausmeister. Auch wenn ich den Zusammenhang nicht erkennen kann, spiele ich mit.

„Ach, es geht um den Bildungsstand?“ entgegne ich, als ob jetzt der Groschen bei mir gefallen wäre. „Entschuldigung, das habe ich beim ersten Mal nicht verstanden. Verstehe. Na, dann ist es doch gar kein Problem, den Herr …“, ich nenne den Nachnamen des Hausmeisters, „…  ist schließlich Ingenieur und spricht sogar drei Sprachen. Dann kann ich mich ja getrost weiterhin mit ihm unterhalten. Habe ich das jetzt richtig verstanden, Frau Kollegin?“

„Ich wollte nur …“

„Sie wollten mir einen kollegialen Ratschlag geben, nicht wahr?“ beginne ich sachlich und nüchtern, „Vielleicht möchten Sie über einen kollegialen Ratschlag von mir nachdenken, auch wenn ich nicht so erfahren bin wie Sie. Meines Erachtens gibt es eine Verantwortung, die jede Position mit sich bringt. In meiner jetzigen ist es nicht nur wichtig, den nötigen Abstand zu den Kollegen zu halten, sondern auch die nötige Nähe zu ihnen herzustellen, damit es kein „oben“ oder „unten“ gibt, sondern ein miteinander, wo jeder in seiner ganz persönlichen Position seinen Beitrag zum Unternehmenserfolg leistet. Vielleicht möchten Sie mal darüber nachdenken, warum die Hierarchien in diesem Unternehmen von Ihnen dermaßen überinterpretieren werden.“

Nach diesem gegenseitigen Austausch an kollegialen Ratschlägen findet das Telefonat ein Ende.

Als ich fast sechzehn Jahre später auf meiner Terrasse sitze und bei strahlender Sonne ein sehr gutes Buch zu Gemüte führe, stolpere ich über einen Satz, der in mir die oben erzählte Geschichte in Erinnerung ruft. Was genau war damals passiert? Was sah ich heute, was ich damals nicht sah?

Vor sechzehn Jahren sah ich eine Kollegin, die sich in ihrer Position überlegen gegenüber dem Hausmeister fühlte und mir einen kollegialen Ratschlag geben wollte, den ich als unerfahrene Kollegin in ihren Augen gebraucht zu haben scheine. Jetzt, nach sechzehn Jahren, sehe ich eine Person, die sich aus der inneren persönlich gefühlten Unterlegenheit, einen (vielleicht auch zwei) Menschen im Unternehmen ausfindig gemacht hatte, dem sie sich überlegen fühlte und damit vielleicht ihr Selbstwertgefühl aufpolierte. Wer war hier eigentlich der Überlegene und wer der Unterlegene?

Auf der einen Seite sah ich eine Person, mit sicherem Job in einem renommierten Unternehmen, aber frustriert, weil es nicht weiter nach oben ging. Auf der anderen Seite eine Person, mit einem nicht anerkannten ausländischen Studium, kriegsbedingt geflüchtet und freudestrahlend dankbar für den sicheren Job in einem renommierten Unternehmen, auch wenn dieser hierarchisch unten angesiedelt ist.

Der gesellschaftlich unterlegene, der gesellschaftlich überlegenen, in seiner Persönlichkeit überlegen. Die gesellschaftlich überlegene, dem gesellschaftlich unterlegenen, in ihrer Persönlichkeit unterlegen.

© Serap Yildirim / 2018

 

Beitragsbild: Photo by Luca Bravo on Unsplash

16 Comments

  1. finbarsgift

    Ein schwieriges Thema, liebe Serap, weil die Gesellschaft im Staat, in der Verwaltung, im Öffentlichen Dienst, der Wirtschaft, der Industrie überall Hierarchien vorlebt, der Einzelne dem entgegen aber zumeist aufgefordert wird im Team ebenbürtig, auf Augenhöhe zu denken und zu arbeiten…
    Ein Zwist, der nicht funktionieren kann und Neid, Eifersucht und Missgunst gebiert!
    Liebe Morgengrüße vom Lu

    Gefällt 2 Personen

  2. Yvonne

    Liebe Serap, wenn die Geschichte so geschehen ist, wie sie Du geschrieben hast, bin ich tief beeeindruckt von Deiner Lebenseinstellung. Wir alle sollten uns gegenseitig respektieren, unabhängig von der gesellschaftlichen Position. Neid und Missgunst bringt nur Frust. Wertschätzung für jeden, egal in welcher Position oder auf welcher Hyrarchiestufe sich derjenige befindet, bringt Erfolg und das Gefühl, dass man gemeinsam etwas erreichen kann.

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspectivesite

      Liebe Yvonne, bedauerlicherweise hat sich die Geschichte damals so abgespielt. Eines der Erinnerungen, die man nicht vergisst, wenn auch leider im negativen Sinne. Ich kann Deinen Ausführungen nur zustimmen. Gegenseitiger Respekt ist das A und O. Danke Dir ganz herzlich, dass Du dir die Zeit zum Lesen genommen und einen wertvollen Beitrag mit Deinem Kommentar hinterlassen hast. Viele liebe Grüße, Serap

      Gefällt mir

  3. kormoranflug

    Starke Charaktere von Personen können mit jedem sprechen – nur die unsicheren brauchen diese Etikette. Auch ich kann auf allen Ebenen und verstehe Deine Sichtweise. So schlagfertig wie hier beschrieben ist nicht jeder. Dein Schreibstil erinnert mich an eine „wahlberlinerin“. Grüsse tom

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    1. mynewperspective

      Hi Tom,
      vielen Dank für Deinen Kommentar und Willkommen auf mynewperspective.
      Meine Schlagfertigkeit taucht immer dann auf, denn das Leben es für sinnvoll erscheinen lässt. Oft wünschte ich, es würde häufiger vorkommen. 😉
      Ach, wie interessant, wer ist den die „Wahlberlinerin“, die einen ähnlichen Schreibstil hat? Magst Du es verraten?
      Viele Grüße
      Serap

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  4. gkazakou

    Liebe Serap, deine Geschichte erklärt, wieso du es „in die Chefetage schafftest“, nicht aber die Kollegin. Es war, außer anderen Qualifikationen, wohl gerade dies vorsichtige Austarieren von Hierarchie- und Teamanforderungen (auf die Lu oben anspielt). Die Frustration der älteren Kollegin ist dabei gar nicht persönlich, sondern eher systemisch zu erklären: sie hat aufgrund ihrer längeren Betriebszugehörigkeit (Seniorität) tatsächlich einen Grund, sich übergangen zu fühlen und verbittert zu sein. Keiner und keine ist von solchen Gefühlen ausgenommen – ausgenommen die völlig Ehrgeizlosen. Manche versuchen, ihrem Frust durch Diskriminierung nach unten und Intrigenspielchen nach oben Ausdruck zu verleihen, manche schlucken es hinunter.
    Mir bekannt ist das Phänomen bei Regierungswechsel, wenn im diplomatischen Dienst Neulinge plötzlich Vorgesetztenfunktionen über weit ältere Kollegen und Kolleginnen bekommen. Das kann zur vollkommenen Lähmung des Apparats (und zu vielen Magengeschwüren) führen, wenn die Neulinge nicht sehr diplomatisch vorgehen. Was sie meist nicht tun, weil sie sich für die Besseren halten. Liebe Grüße!

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    1. mynewperspective

      Liebe Gerda,
      vielen Dank für Deinen sehr wertvollen Kommentar und Herzlich Willkommen auf meinem Blog.
      Auch ich werde mich von derartigen Gefühlen nicht ausnehmen, jedoch ist das buckeln nach oben und treten nach unten meines Erachtens keine Lösung. Vielleicht schaffen wir Menschen es irgendwann einmal, vorurteilsfrei uns selbst und damit auch anderen Menschen gegenüberzutreten. Wünschenswert wäre es.
      Liebe Grüße
      Serap

      Gefällt 1 Person

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