Wertvolles Erbe

 

Vor 25 Jahren verabschiedete ich mich von dem wichtigsten Menschen in meinem Leben: meinem Vater.

In einer der ersten Erinnerungen an ihn, bringt er mir ein Gedicht bei, von dem ich später als Teenager erfahre, dass es sich eigentlich um die Lyrik eines Tangos handelt. Papatya. Gänseblümchen. Damals bin ich etwa zwei Jahre alt – fast drei um genau zu sein – und der Buchstabe „R“ ist nicht Bestandteil meines Alphabets. Wenn man mich nach meinen Namen fragt, antworte ich: „Sejap“.

Mit den liebevollen Blicken und der fast unermüdlichen Ausdauer meines Vaters, bringt er mir durch die ständigen Wiederholungen den Text von Papatya bei. Selbstverständlich nicht ohne Eigennutzen. In der zweiten Lyrikzeile heißt es sinnbildlich: „Meine Seele schmerzt, wenn ich Dich sehe.“ Diese Zeile enthält im türkischen Original genügend R’s, die ich selbstverständlicher Weise mit J’s ersetze, um mit der Naivität eines kleinen Mädchens den lieblichen Schmerz in der Seele meines Vaters zu verstärken. So, wie es sich für eine ordentliche Vater-Tochter-Beziehung gehört.

Baba, türkisch für Papa, war ein ganz spezieller Mensch – zumindest für mich. Da er Montagearbeiter war, sah ich ihn nur an den Wochenenden. Je nach Entfernung, kam er sogar nur alle zwei bis vier Wochen nach Hause. Trotz der ständigen Abwesenheit, lernte ich viel von baba. Das Meiste brachte er mir nicht aktiv bei, sondern lebte es mir vor. Jahre und Jahrzehnte später sehe ich weitaus mehr Parallelen zwischen seinem und meinem Leben.

Bevor meine Eltern heiraten, kauft baba eine Wohnung, man mag es kaum glauben, außerhalb der damaligen Stadtgrenze, in der seine Familie lebt. Somit tritt er als einziger unter den Geschwistern, einen weiten Schritt aus dem familiären Dunstkreis heraus, um eine eigene Familie zu gründen. Auch ich ziehe, vorerst studienbedingt, von zu Hause weg und baute ein eigenes Leben auf, ohne wieder in die Nähe der familiären Gefilde zurückzukehren.

In einem mutigen Schritt treibt es baba sogar in ein fremdes Land, um besser für seine Familie zu sorgen. Als mich vor Jahren, bei meinem Entschluss auszuwandern, viele fragen, warum und vor allem wie ich es mir zutraue, in ein fremdes Land zu ziehen, stelle ich die Gegenfrage: „Warum nicht? Mein Vater tat es auch und das unter weitaus limitierenden Bedingungen!“

Noch vor meiner Zeit auf dieser Erde, als baba mal arbeitslos wird und sein Beruf laut Arbeitsvermittlung nicht mehr gefragt ist, beantragt er eine Ausbildung, für einen gefragteren Beruf. Dies wird ihm verweigert. Tagtäglich geht baba aufs Amt und stellt zwei Fragen: „Haben Sie heute eine Arbeit für mich?“ und als dies verneint wird: „Können Sie mir eine neue Ausbildung anbieten?“ Auch diese Frage wird tagtäglich verneint. Baba lässt nicht locker. Ein halbes Jahr lang stellt er werktags beim Amt genau diese beiden Fragen, die immer wieder verneint werden, bis die Amtsdame freiwillig baba eine Ausbildung für einen gefragteren Beruf genehmigt. Sie verabschiedet ihn mit den Worten, dass er doch bitte nicht noch einmal erscheinen möge.

Wie oft kann ein Mensch das Wort „Nein“ ertragen, wenn er ein bestimmtes Ziel erreichen möchte? … Verdammt oft! In den etlichen Jahren nach dem Studium schreibe ich bis zu 1600(!!!) ernstgemeinte Bewerbungen, die ins Leere führen. Aber hej, ich bin Papas Tochter. Was bedeutet schon ein Nein mehr oder weniger auf dem persönlichen Weg? Zwischenlösungen gibt es immer wieder und hält nicht vom eigentlichen Ziel ab.

Als baba mal wieder einen Montageeinsatz hat, kommt er an einem Wochenende mit einer Postkarte zurück, auf dem irgendein Objekt mit rot leuchtenden Glühbirnen zu sehen ist. Eine Mengenlehreuhr. Baba erzählt, dass er sie entdeckt und sich gewundert hat. Die Befragung von Passanten ergab, dass es sich um eine Uhr handelt, aber keine Person war in der Lage die Uhrzeit auf dieser Uhr zu lesen. Also sucht sich baba ein ruhiges Plätzchen, wo er die Uhr betrachtet und nach über einstündiger Observation und dem ständigen Vergleich mit seiner Armbanduhr herausfindet, wie die Mengenlehreuhr funktioniert und wie er die Uhrzeit ablesen kann.

Wann immer jemand herausstreicht, dass ich einen langen Atem besitze, schmunzle ich innerlich und frage ich mich, von wem ich diese Eigenschaft wohl geerbt haben könnte. Hmmmmm…..?

Man sagt, dass Lesen die Fantasie anregt. Baba hatte die fünfjährige Grundschule und später als Teenager/junger Mann eine handwerkliche Ausbildung abgeschlossen. Gelesen hat er – wenn überhaupt mal – Zeitung, aber Fantasie hatte er auch ohne Leseerfahrung. Als wir während eines Urlaubes am Strand liegen, ist mir langweilig. Ich bitte baba, eine Geschichte zu erzählen. „Worüber?“ fragt er mich. „Irgendwas“, antworte ich ahnungslos.

Baba greift sich ein paar schöne Steine und stapelt sie aufeinander. Auf einmal sind diese Steingebilde Hauptcharaktere einer Fantasiegeschichte. An den Inhalt erinnere ich mich nicht mehr, aber an die wachsende Anzahl der offensichtlichen und heimlichen Zuhörer, die sich um uns herum bilden. Ich lerne, dass die Geschichten, die aus dem Inneren kommen, ob nun real oder fiktiv, den Weg in die Herzen der Menschen finden, nicht ahnend, dass ich irgendwann einmal selbst Geschichten schreiben werde.

In Gedenken an meinen geliebten Vater singe und tanze ich jetzt im Gedanken, als kleines Mädchen auf seinen Füßen stehend, quietschvergnügt einen, unseren, Tango Papatya.

© Serap Yildirim / 2018

Geschichte von mir vorgelesen bekommen? Dann bitte Play-Butto drücken.

 

Für all die, die sich den Tango Papatya (1948) mal anhören möchten:

 

 

 

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