Dankbar

Samstag. Seit Stunden stehe ich schon in meiner kleinen Küche und koche für den bevorstehenden Besuch am Montag. Zucchinipuffer, Hummus bi Tahini, gebratene Auberginen, gegrillte Paprika, Couscous, und viele weitere Köstlichkeiten. Da ich eine Pause brauche, setze ich Wasser auf und brühe dann einen Darjeelingtee.

Mit meinem heißen Tee in der gläsernen Tasse gehe ich Richtung Esstisch, der in meinem Wohnzimmer steht, und lasse mich auf dem gepolsterten Stuhl nieder. Ich lausche den Jazzklängen, die mich schon fast den ganzen Tag über begleiten und mein Blick richtet sich auf meine violettfarbenen Orchideen, die in einer Ecke meinen Wohnraum verzieren.

Während ich meine Orchideen anblicke, formt sich langsam ein Lächeln auf meinem Gesicht. Ein Gefühl im inneren meines Körpers breitet sich aus. Dieses Gefühl hat einen Namen: Dankbarkeit. Meine Augen schweifen durch das Wohnzimmer und bleiben an dem 3D-Doppelpyramiden Wandobjekt hängen. Mein Lächeln im Gesicht wird breiter.

 

 

 

Rückblick. Als ich in dieser Wohnung zog, besaß ich kaum etwas. Mein Umzug von der alten Wohnung – meine Freundin, nannte sie „Bruchbude“ – dauerte mit halbstündiger Fahrt zwischen der alten und neuen Wohnung etwa eine Stunde und fünfzehn Minuten. An Möbeln brachte ich mit: Schreibtisch, Plastikdrehstuhl, Matratze, Beistelltisch, Stehlampe. In den ca. 15 Kartons befanden sich Kleidung, Schuhe, Haushaltsartikel, Geschirr (vieles davon hatte ich geschenkt bekommen) und persönliche Gegenstände.

Alles was ich vorher je besessen hatte, hatte ich … nennen wir es mal … verloren. Denn irgendwann kehrte ich diesem Land den Rücken zu und wanderte in ein anderes Land aus. Ich reduzierte mein Hab und Gut auf den Inhalt eines Reiserucksackes, Carry-On Gepäckstücks, Fahrrad und vier Umzugskartons an persönlichen Gegenständen, von denen ich mich nicht trennen wollte. Alles andere hatte ich entweder verkauft, verschenkt oder vernichtet, bevor meine Reise in ein neues Leben in einem anderen Land begann.

Mein Leben hatte andere Pläne als ich und so kam es, dass ich nach zwei Jahren wieder zurückkehrte. Diesmal mit dem Inhalt eines Koffers und fünf Umzugskartons an persönlichen Gegenständen. Ein erneuter Neubeginn, der geprägt war von ständigen Umzügen von der einer Wohnsituation in die nächste, Geldmangel, Arbeitslosigkeit und die damit verbundene Verzweiflung, Resignation und Stagnation.

Da das Blatt des Lebens auch eine zweite Seite hat, erhielt ich doch tatsächlich irgendwann den Zuschlag für eine bezahlbare Wohnung in einer Neubausiedlung unter hunderten von Anwerbern. Mein Glück war gar nicht fassbar. Erstbezug. Etwas, was meinem Leben bisher unbekannt war. Ohne viel Hab und Gut zog ich also in eine nagelneue und saubere Wohnung ein. Alle Wände weiß gestrichen, war es, als ob mir das Leben eine weiße Leinwand schenkt, um sie nach eigenen Wünschen neu zu gestalten.

Eines Tages saß ich an meinem Tisch im Wohnzimmer auf meinem kaputten Plastikdrehstuhl und starrte meine weißen Wände an. Da es noch an Möbeln fehlte, suchte ich aus den Kartons den Wandkalender heraus, den mir meine Freundin zwei Jahre zuvor geschenkt hatte. Die Aquarellbilder gefielen mir und daher hatte ich den Kalender auch nach Ablauf des Jahres aufbewahrt. Zuerst dachte ich daran, die Bilder auszuschneiden und einzurahmen, aber auch die günstigsten Rahmen würden Geld kosten und lauter Pflanzenbilder wollte ich auch nicht in der Wohnung. Nach langer Überlegung entschloss ich mich, 3D-Doppelpyramiden aus den Bildern zu falten, um sie dann an der Wand anzubringen. Die ersten kreativen kostenlosen Farbtupfer in meiner schneeweißen Wohnung. Die ersten kreativen kostenlosen Farbtupfer in meinem neuen Leben.

 

 

 

Jahre später, mit meinem Darjeelingtee in der Hand und umwoben von Jazzklängen, spüre ich die Dankbarkeit, gegenüber dem Leben. Einiges ist anders als damals bei meinem Einzug und der Überlebensmodus entwickelt sich langsam zur Lebensqualität. Vieles wiederholt sich auch heute noch und zeigt mir immer wieder, wo die nächste Baustelle ist, die bearbeitet werden möchte. Dankbarkeit durchspült meinen Körper.

Ich blicke auf die 3D-Doppelpyramiden und somit auch auf meine Vergangenheit und sehe all das, was ich verloren habe: Eigentum, Vermögen, Menschen. Auch sehe ich, was sich aus all dem Nichtvorhandensein entwickeln konnte und entwickeln wollte. Mit wird bewusst, dass erst der Verlust in meinem Leben, Platz für einen kreativen Neubeginn freimachen konnte.

Ich blicke auf die 3D-Doppelpyramiden und somit auch auf meine Gegenwart und sehe all das, was ich erreicht habe: Neustart, Kreativität, unterschiedliche Perspektiven. Auch sehe ich, dass das Neue in meinem Leben erst entstand, weil das Alte einen Nährboden dafür geliefert hat, der vorher nicht vorhanden war. Auf diesem fruchtbaren Boden wächst das neue Ich voran und entwickelt sich fortwährend.

Ich blicke auf die 3D-Doppelpyramiden und somit auch auf meine Zukunft und sehe all die Möglichkeiten, die darauf warten in Kraft zu treten: Ideen, Experimente, Möglichkeiten. Auch sehe ich, dass all die Optionen, die sich auf einmal auftun, auf fruchtbaren Boden fallen und von dort aus erblühen werden. Erblühen, wie all die Pflanzen auf den Aquarellbildern, die jetzt als 3D-Doppelpyramiden an meiner Wand als die ersten kreativen Farbtupfer, einen Start in ein neues Leben gesetzt haben.

Danke! Danke, an all die großen und kleinen Verluste in meinem Leben. Danke an all die Menschen, die mich in die großen und kleinen Verluste meines Lebens getrieben haben. Danke an all die Verluste, für die Erschaffung eines Nährbodens einer blühenden Zukunft.

© Serap Yildirim / 2018

 

Beitragsbild: Photo by Drew Taylor on Unsplash
Fotos 3-D-Pyramiden: © Serap Yildirim

11 Comments

  1. Christine F. Behrens

    Ein wunderbarer Text! Ich sah Dich vor mir mit Deinem Tee in der Hand 🙂 Dankbarkeit und Schönheit bedingen sich wirklich einander: Wer dankbar ist, erkennt die Schönheit darin und wer Schönheit erkennt, wird dankbar. Mir gefällt auch Dein Spiegeln damals/heute und Entstehung des Kunstobjekts/Betrachtung seiner Wirkung auf Dich, die Dich in die Zukunft trägt. Das ist Wortkunst 🙂

    Gefällt 2 Personen

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