Reise in ein früheres Leben

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Ein warmer Apriltag. Obwohl ich am Vortag einen Großeinkauf an Lebensmitteln hinter mir habe, fehlt selbstverständlich etwas: die gesalzene Süßrahmbutter.

Am frühen Nachmittag gehe ich also los zum nächstgelegenen Supermarkt. Mit der Butter und ein paar anderen Köstlichkeiten, an denen ich nicht vorbeikommen kann, schlendere ich nach meinem Einkauf sehr genüsslich Richtung Zuhause.

In mir breitet sich eine unbeschreibliche Ruhe aus, über die ich mich selbst wundere. Während ich noch ein zwei Minuten Gehweg vor mir habe, höre ich eine sanfte männliche Stimme, die in mein rechtes Ohr spricht: „Lege Dich hin, wenn Du zu Hause bist.“ Ich höre zwar, was mir gesagt wird, vergesse es aber in der Sekunde wieder.

Gemütlich bummle ich weiter, und kurz bevor ich vor dem Haus bin, indem ich erst seit neulich wohne, bemerke ich zum ersten Mal, dass das Haus nur vorne hellblau gestrichen ist und die einzige freie Seitenwand strahlendweiß. „Ach, das ist mir bisher gar nicht aufgefallen“, spreche ich erstaunt und leise mit mir selbst.

In meiner Küche angekommen, packe ich alle Lebensmittel erst auf die Küchentheke. Bevor ich irgendetwas an seinen Platz räumen kann, höre ich wieder die sanfte männliche Stimme: „Leg‘ Dich hin.“ Warum denn? Es ist helllichter Tag und ich bin gar nicht müde oder gar krank!

Ich räume meine Einkäufe alle ein und höre sie wieder, die Stimme. Danach schnappe ich mir meinen Laptop und während er hochfährt, kommt mir der Gedanke, dass ich noch nie die Rückführungsmeditation von Doreen Virtue angehört habe, die ich von meiner Freundin vor sehr langer Zeit geschenkt bekam. Warum ich diesem Impuls folge, ergibt erst später einen Sinn.

„Papa, geh nicht! Geh bitte nicht!“

Nachdem ich mich ins Bett lege, lasse ich die Meditation laufen, nehme aber nach einer einzigen gefühlten Minute die Stimme von Doreen nicht mehr wahr. Schon längst bin ich Protagonistin in einem Film, der sich in kompletter Versunkenheit vor meinem inneren Auge abspielt.

Es scheinen die 50er Jahre des 19. Jahrhunderts zu sein. Irgendwo im Süden des US Amerikanischen Territoriums stehe ich auf einem Weg vor einem zweistöckigen Farmhaus mit der typisch amerikanischen Veranda. Gegenüber dem Haus befindet sich ein riesengroßes Feld. Irgendeine Getreidesorte. Es scheint Spätsommer zu sein. Ich bin ca. sechs Jahre alt. Mitten auf dem Feldweg, dass mein Elternhaus vom Getreidefeld trennt, stehend, schaue ich einem groß gewachsenen, schlaksigen Mann mit kurzen, dunklen und krausen Haaren hinterher. Es ist mein Vater. Er trägt eine relativ abgenutzte Hose und ein ebenso abgenutztes Hemd. Am Ende eines Stockes, welches er über der rechten Schulter trägt, hängt ein kleines rundliches Baumwollbündel. Auch wenn ich das Gesicht meines Vaters nicht sehe, weiß ich sofort, dass es sich um eine mir bekannte Person aus meinem aktuellen Leben handelt.

Meinem Vater hinterhersehend, schreie ich weinend und flehend: „Papa, geh nicht! Geh bitte nicht!“

Mein Vater dreht sich nicht um. Langsam aber stetigen Schrittes geht er voran, ohne auch nur ansatzweise den Anschein zu erwecken, dass er es sich für einen kurzen Moment anders überlegen würde.

„Papa, geh bitte nicht! … Paaapaaa, geh bitte nicht! Bitte Papa, geh bitte nicht!“

Mein Vater dreht sich immer noch nicht um. Langsam aber stetigen Schrittes, geht er voran. Nicht einmal ein kurzes zögern ist zu sehen. Während ich an der gleichen Stelle stehe und verzweifelt hinter ihm her weine, vergrößert sich der Abstand zwischen mir und ihm immer mehr.

„Papa, geh bitte nicht! Paaaapaaaa, bitte geh nicht!“ schreie ich ihm immer verzweifelter und kraftlos weinend hinterher. Auf der einen Seite fühle ich den eigenen Schmerz in meinem Herzen und auf der anderen Seite nehme ich das Gefühl kompletter Leere meines Vaters wahr.

Bevor Du stirbst, solltest Du wissen, dass Dein Vater Dich geliebt hat.

Auf einmal merke ich Hände auf meinem Schultern, die mich einerseits festhalten und andererseits runterdrücken. Da ich wie angewurzelt auf der Stelle stehe und mich nicht fortbewegen kann, drehe ich meinen Kopf nach rechts hinten und sehe, wie meine dunkelhäutige Mutter hinter mir steht und mich bitterböse anmahnend wortlos anstarrt. Ich entnehme dem Gesichtsausdruck, dass ich mich zusammenreißen soll. Auch mein Blick verfinsterst sich und ich löse mich von dem immer stärker und kräftiger werdendem Griff, schaue in ihre kalt blickenden Augen und schreie: „Wie kannst Du nur?“

Meine Mutter lässt von mir ab und geht ins Haus. Auch sie ist eine mir bekannte Person aus meinem aktuellen Leben. Ich drehe mich wieder in Richtung Feldweg zu meinem Vater und sehe ihn langsam und stetig weitergehen, ohne dass er sich umdreht. „Papa, geh bitte nicht!“ schreie ich leise weinend hinter ihm her und falle kraftlos auf den Feldweg und sehe, wie die Silhouette meines Vaters langsam und stetig am Horizont verschwindet.

Während ich zusammengekauert auf dem Feldweg liege, wechsle ich vom Protagonisten zum Zuschauer und sehe mich als ein dunkelhäutiges kleines Mädchen, mit rotem Kleid und weißer Schürze, mit schulterlangen geflochtenen Haaren.

Dann findet ein Szenenwechsel statt. Als eine sehr alte Frau liege ich in einem Dachbodenzimmer meines Elternhauses im Sterbebett. Eine Frau sitzt auf der Bettkante und hält meine Hand. Es ist ein Engel, in menschlicher Gestalt, der mich während meiner letzten Atemzüge auf der Erde begleitet. Mit sanfter Stimme spricht diese Engelsfrau zu mir, während sie die ganze Zeit meine Hand hält: „Bevor Du stirbst, solltest Du wissen, dass Dein Vater Dich geliebt hat. Er konnte nicht zurückkommen, weil ihm die Chance nicht gegeben wurde. Er hat immer an Dich gedacht und Dich in seinem Herzen getragen.“ Nach diesen Worten schließe ich meine Augen und verabschiede mich von der Welt.

Die Kamera, die mein früheres Leben filmt, zoomt sich aus der Sterbeszene heraus. Erst aus dem Dachbodenzimmer, dann aus dem Haus, so dass ich einen Vogelblick auf mein Elternhaus werfen kann. In diesem Moment sehe ich, dass die Vorderfront meines Elternhauses hellblau und die rechte Seitenwand weiß gestrichen ist.

***

In den Jahren darauf, eröffnen sich immer wieder neue Aspekte meines früheren Lebens in meinem jetzigen. Immer, wenn ich bereit scheine, einen weiteren Schritt zu gehen, steht das Abtragen der nächsten Schicht schon ohne mein Zutun auf der To-Do-Liste meiner Lebensaufgaben. Im Laufe der Zeit, sehe ich deutlicher die Muster, die sich durch mein Leben ziehen und sich wiederholen, bis ich nach unzähligen Wiederholungen einen Punkt setzen kann, um an dem nächsten Muster in meinem Leben zu arbeiten. Auch ohne direkte Parallelen zum früheren Leben, wird mir immer mehr bewusst, nach welchen Modellen ich handle, bis ich ihre Dienlichkeit in Frage stellen muss. An genau diesen Punkten im Leben beginnt – wie es scheint – der eigentliche Teil meiner Lebensarbeit. Die nicht dienlichen Wiederholungen im Leben zu erkennen und sie mit neuen Vorgehensweisen zu ersetzen. Mir wird zunehmend klar, dass die Vertrautheit alter Muster dazu führt, in ihr zu verweilen, weil die Alternative noch nicht von mir entdeckt, angewandt und als dienliches neues Muster etabliert wurde. Mit dieser Erkenntnis rücke ich zunehmend in meinem Leben von dem Ich, das „einmal war“, zum Ich, das „sein sollte“.

© Serap Yildirim / 2018

 

 

Beitragsbild: Photo by Keagan Henman on Unsplash
Musik für Audio:
http://www.orangefreesounds.com/fall-soft-piano-music/
http://www.orangefreesounds.com/angel-voice-soft-ambient-music/
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4 Comments

  1. Canan Uzerli

    Vielen Dank für diese wundersame Perspektive…die Möglichkeit früherer Leben will ich nicht ausschließen…und allein das weitet den RAUM meines Denkens und Daseins plötzlich ungemein aus….Danke, dass Du immer wieder auch meinen Geist weitest mit Deinem persönlichen Blick auf die Dinge…immer ein großer Gewinn!!

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    1. mynewperspectivesite

      Herzlichen Dank, liebe Canan. Frühere Leben hätte ich vor dieser Erfahrung einserseits auch nicht ausgeschlossen, aber andererseits doch irgendwie in Frage gestellt. Diese Erfahrung hat auch meine Perspektive erweitert. Aber auch ohne den Glauben und die Erfahrung an frühere Leben, gibt es in unserem Leben „Wiederholungen“, die wir erkennen können und – wenn gewollt – dem Ganzen ein Ende setzen.

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  2. Yvonne Möller

    Liebe Serap,
    Danke! Ich kann es nicht in Sprache ausdrücken was ich fühle. Deine Worte haben mich sehr tief berührt, ich hatte Gänsehaut und die Tränen sind gelaufen. Danke für dein Sein

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspectivesite

      Liebe Yvonne,
      danke Dir ganz herzlich für diese rührenden Worte. Es freut mich sehr, wenn die Geschichte solche Emotionen bei Dir ausgelöst hat. Möge der Abfluss von Tränen ein Prozess des Loslassens sein.
      Fühl‘ Dich umarmt …
      Liebe Grüße
      Serap

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