Auf, in eine mutige Zukunft

Ich sitze an meinem Tisch. Der frisch aufgebrühte Tee goldbraun in meiner runden Glaskanne. Der Duft der Kräuter steigt mir in die Nase und hüllt mich zunehmend sanft ein und lässt mich nach und nach immer mehr relaxen.

Kürzlich stellte mir ein Freund in einer E-Mail folgende Fragen: „Was wünscht du dir für die nächste Zeit? Was sind deine Ziele?“ So richtig darauf antworten, konnte ich nicht. Auffällig ist, dass mir in der letzten Zeit häufiger ähnliche Fragen von unterschiedlichen Personen gestellt werden. … Wichtige Fragen, keine Antworten.

Meinen doppelwandigen Glasteebecher halte ich mit beiden Händen vor meinem Oberkörper. Die Ellenbogen finden Stütze auf dem Tisch. Der warme Kräuterduft steigt weiterhin in meine Nase und ich schließe meine Augen, während ich mir innerlich die Frage stelle, was ich mir für die Zukunft wünsche. Irgendein Ziel, Wunsch, irgendeine Idee, Vorstellung oder Vision werde ich doch haben!?

In der Dunkelheit meines Ichs, suche ich die Antwort auf meine Frage oder auch nur einen Anhaltspunkt, der mich zur Antwort auf meine Frage führen wird. Minuten vergehen, mein Tee wird zunehmend kälter und kein aufsteigender Kräuterteedampf mehr, der so angenehm mein Gesicht wärmt. Immer noch meine Augen geschlossen suche ich verbissen die Antwort auf die Frage: Was sind meine Ziele?

Also verkörpere ich jetzt Beratende und Beratenwerdende in einer Person und starte eine – im wahrsten Sinne des Wortes – Einzelsitzung mit mir selbst!

Hmmmmmm … ich öffne die Augen. Es fällt mir einfach nichts ein! Zumindest nichts, was mich wirklich weiterbringt. Alles was mir bisher einfällt, ist, was ich nicht mehr in meiner Zukunft sehen möchte. Natürlich ist dies ein Anfang, der mich bei näherer Betrachtung jedoch nicht weiterbringt. Ich gehe zu Plan B über und beginne positive Pendants zu meiner langen Liste an „dies-will-ich-nicht-mehr-in-meiner-Zukunft-sehen“ zu suchen. Ich werde fündig, merke aber schnell, dass auch dieser Ansatz nicht wirklich für die Beantwortung meiner Frage dienlich ist.

Aber hey, das Alphabet hat nun wirklich genügend Buchstaben. Also, weiter mit Plan C! Berufsbedingt frage ich doch fast tagtäglich genügend Menschen, welche Vorstellung sie von ihrer beruflichen Zukunft haben. Also verkörpere ich jetzt Beratende und Beratenwerdende in einer Person und starte eine – im wahrsten Sinne des Wortes – Einzelsitzung mit mir selbst!

„Frau Yildirim, wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor? Beruflich oder privat ist egal. Antworten sie spontan. Alles was Ihnen einfällt. Es gibt kein richtig oder falsch.“ Mein beratendes Ich strahlt mein beratenwerdendes Ich lächelnd und ermutigend an. Mein beratenwerdendes Ich schaut dumm aus der Wäsche! … Na gut, ein Versuch war es wert! Nächster Buchstabe und weiter mit Plan D!

Mein neuer Ansatz sucht nicht nach der Antwort auf die Frage, was mein Ziel ist, sondern stellt sich die Frage, warum es so schwer ist, eine Antwort auf die Frage zu finden. Warum führen meine Ansätze bisher nicht zum Erfolg? Liegt es vielleicht an der falschen Fragestellung? Oder an dem Blickwinkel zur Fragestellung? Plan B ist doch eigentlich gar nicht so schlecht, oder? Positive Pendants sind doch schon ein sehr guter Start! Warum funktioniert die Methode nicht? Irgendetwas fundmentales fehlt, aber was?

Aber, … was, wenn es die falschen Ziele waren?

Wann genau habe ich eigentlich aufgegeben, Ziele zu definieren, Visionen zu haben, Meilensteine zu setzen? Wann genau habe ich eigentlich aufgehört, keinen Plan mehr von meiner eigenen Zukunft zu haben? Wann genau habe ich mich entschlossen, von einem auf den anderen Tag zu leben ohne wirklich vorauszuplanen? Wann genau habe ich davon abgelassen, von einer, meiner (!), Zukunft zu träumen?

Während mein Teeglas schon seit langem auf dem Untersetzer ruht und der kalte Kräutertee immer dunkler wird, lehne ich mich zurück in meinen Stuhl und überlege. Wann genau …? Na, als alle Pläne die ich hatte den Bach runtergingen! Was auch immer ich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren geplant habe, scheiterte! Also hörte ich auf, zu planen, zu träumen, Ziele zu setzen, Visionen zu haben.

Mein Instinkt sagt mir, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde. Plan D funktioniert bisher sehr gut. Also: Weitermachen! … Alle meine Pläne scheiterten bisher. Das stimmte tatsächlich und ich kann Bücher zu mehreren Lebensbereichen damit füllen. Aber, … was, wenn es die falschen Ziele waren? Was, wenn ich diese Ziele nur gesetzt habe, weil alle anderen es auch tun? Was, wenn ich diese Ziele aus einer Vernunft heraus verfolgte? Was, wenn ich diese Ziele nur als Ziele hatte, weil es die Gesellschaft mir so vorlebte? Was, wenn diese Ziele gar nicht meine Ziele waren? Was, wenn diese Ziele gar keine Ziele waren, sondern ein Weg oder Meilensteine auf dem Weg zum eigenen Ziel?

Schon ein wesentliches Stück weitergekommen, stelle ich mir die Frage, welche Vision ich nun von meiner Zukunft habe.

Uiii, die Fährte ist heiß. Ich verfolge sie weiter. Nach einem Moment der inneren Stille stelle ich mir selbst die Frage, was mich eigentlich ausmacht. Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: Mut! Oh, Plan C ist für einen wertvollen Moment zurückgekehrt und verabschiedet sich schnell wieder. Das stimmt, mich macht Mut aus! In diesem stillen Moment wird mir diese Tatsache sehr deutlich. Nicht, dass ich es vorher nicht gewusst hätte, die Bedeutung in meinem Leben erfasse ich jedoch erst jetzt.

Ich blicke auf mein Leben zurück, vor allem auf die letzten zehn bis fünfzehn Jahre und sehe ganz deutlich Mut! Mut, weil ich Neugierig war, etwas Neues zu entdecken. Mut, weil ich kindlich naiv war und mögliche Konsequenzen nicht in Betracht ziehen konnte. Mut, weil ich gelernt habe, dass die Aussprache der Wahrheit mein Rückgrat bildet. Mut, weil ich einfach mutig war. Mut, weil ich Angst hatte und keine Angst haben wollte. Mut, weil ich mir eine Welt eröffnen wollte, die mir bis dahin verschlossen war. Mut, weil ich etwas erreichen wollte. Mut, weil ich sehen wollte, ob es funktioniert.

Super, Plan D läuft bisher ausgezeichnet. Schon ein wesentliches Stück weitergekommen, stelle ich mir die Frage, welche Vision ich nun von meiner Zukunft habe. Eine mutige, dass steht schon mal fest! Aber wie? Ich schmunzle. Es gibt einen Spruch von George Bernard Shaw, der mich schon seit Jahrzehnten begleitet:

„Manche Menschen sehen die Dinge, so wie sie sind – und fragen: Warum? Ich erträume Dinge, die es noch nie gegeben hat, und frage: Warum eigentlich nicht?“

Eine neue Idee keimt in mir auf. Eine mutige Idee! Da ist sie: Das Ziel! Meine Zukunft! Der Plan! Meine Vision!

Danke Buchstaben E-Z, vielleicht komme ich ein anderes Mal auf Euch zurück.

© Serap Yildirim / 2018

 

Beitragsbild: Photo by Caique Silva on Unsplash

 

8 Comments

  1. hummelweb

    Starker Text! Mut ist mein Motto für 2018, und doch hat er bisher „nur“ dazu geführt, einiges hinter mir zu lassen, wo ich doch dachte, Mut sei so eine positive, schaffende Kraft. Naja, das Jahr ist ja noch lang. Also werde ich mutig annehmen, was ist. Und mich weiter fragen, ob Pläne schmieden überhaupt der richtige Ansatz ist. Ob wir träumen müssen, um uns zu entwickeln, oder ob wir einfach ganz präsent den Augenblick fühlen, erleben und gestalten können und alles wird sich gut entwickeln. Danke für deine Anregungen!
    Die Hummel

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspectivesite

      Tolles Motto, liebe Hummel! Finde ich super.
      Mit Mut nicht dienliches hinter sich zu lassen, bietet doch Raum für neues und positives Schaffen. Ich persönlich denke, dass Pläne, Träume, Visionen oder wie wir es auch selbst für uns benennen wollen, sehr wichtig sind. Es müssen ja nicht gleich die großen Weltverbesserungspläne o.ä. sein. Planen muss ja auch nicht zwangsläufig bedeuten, dass alles in unserem Leben, bis ins allerkleinste vorgeplant ist. Ein gewisses Ziel zu erreichen, ist doch etwas, was motiviert und auch immer wieder den Mut anregt. Der Weg dorthin, kann ja auch auf Umwegen erfolgen und nicht immer gradlinig sein. Sich präsent dem Augenblick hingeben, ist meines Erachtens ebenfalls ein Ziel/Plan/Vision/Wunsch, den wir uns setzen. 😊 … Ich danke Dir für Deine Zeit, die Du dir genommen hast, zum Lesen, zu kommentieren und zu reflektieren und wünsche Dir, dass Du Dein Leben mutig so gestaltest, wie es für Dich richtig und wichtig ist.
      Sonnige Grüße
      Serap

      Gefällt 1 Person

  2. zuckerrohr

    Liebe Serap, ich habe den ganzen langen Text mit viel Freude gelesen. Toll geschrieben. Es sind oft die kleinen Talente und Stärken, die uns ausmachen. Es sind nicht immer große Projekte oder Verwirklichungen. Wir sind alle ganz normale Menschen und keine Superstars. Das ganz normale Leben, also unser Alltag, verlangt von uns immer schon sehr viel. Mut ist wichtig, damit wir immer wieder aufstehen. Tausend Dank dafür 🙂 LG Petra

    Gefällt 1 Person

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