Courage zeigen!

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Montag. Ich bin auf dem Weg zur Arbeit. Etwas zu spät dran. Gefrühstückt habe ich nicht, aber das ist egal. Manchmal lasse ich das Frühstück eben auch mal ausfallen. Umso mehr erstaunt es mich, dass mich irgendein Impuls in die Bäckerei gegenüber meiner Arbeitsstätte hineintreibt.

Ich verspüre weder Hunger, noch Appetit und was noch wichtiger ist, ich habe kein Geld übrig, es für teures Frühstück beim Bäcker auszugeben. Trotzdem stehe ich jetzt in der Schlange und warte darauf, bald bedient zu werden.

Während ich überlege, was ich kaufen möchte, geht es relativ zügig voran in der Schlange. In dieser Bäckerei arbeiten die Mitarbeiter wirklich rasendschnell und wie am Fließband. Es ist, als ob jeder Mitarbeiter mehrere Arme und Beine zur Verfügung hat, die gleichzeitig in alle möglichen Richtungen agieren. Wie immer faszinierend zu sehen. Sicherlich trägt dies auch zum Erfolg der Bäckerei bei, den als Kunde verbringt man hier trotz langer Schlangen nur wenig Zeit für den Einkauf und kann sich schnell wieder dem eigenen Alltag widmen.

Als ich an der Reihe bin, merke ich, dass mich ein junger Mann bedient, den ich hier bisher noch nie gesehen habe. Er muss ein neuer Mitarbeiter sein. Vielleicht ein Azubi? Freundlich, sympathisch, zugewandt, aber aus irdendeinem unerklärlichen Grund finde ich, dass er hier nicht hereinpasst. Obwohl ich kein Hunger habe und das Geld knapp ist, möchte ich gleich zwei Schokoladencroissants und noch ein Chai Tea Latte To Go. Groß? Selbstverständlich!

Der junge Mann bedient mich ganz anders, als ich es hier gewohnt bin. Wenn man die anderen Mitarbeiter jetzt wegdenken würde, dann arbeitet er in einem äußerst angemessenen Tempo und ist dabei freundlich und höflich, so wie man es sich als Kunde wünscht. Wenn man ihn im Umfeld aller anderen Mitarbeiter betrachtet, dann wirkt er sehr langsam. Während ich die entschleunigte Version der Bedienung als angenehm empfinde, höre ich wie sich zwei Mitarbeiterinnen bei der Zubereitung von Heißgetränken hörbar darüber austauschen, wie langsam eine gewisse Person sei. Sie sprechen in einer Fremdsprache, die ich verstehe. Der junge Mann reicht mir meine Bestellung, lächelt mich an und wünscht mir einen guten Tag. Ich bedanke mich bei ihm ebenfalls lächelnd und wünsche ihm einen guten Tag. Während ich die Bäckerei verlasse, überlege ich, ob die beiden Damen über den jungen Mann gesprochen haben. Nein, sicherlich nicht!

 

Dienstag. Ich bin wieder auf dem Weg zur Arbeit. Wieder habe ich nicht gefrühstückt. Wieder habe ich weder Hunger noch Appetit. Im Portemonnaie ist weniger Geld als gestern. Wieder treibt mich irgendein Impuls in die Bäckerei gegenüber meiner Arbeitsstätte. Wieder stehe ich in der Schlange und wieder werde ich von dem jungen Mann bedient, den ich gestern hier zum ersten Mal sah. Wieder bestelle ich zwei Schokoladencroissants und einen großen Becher Chai Tea Latte To Go.

Während mein Latte vorbereitet wird, unterhält sich eine der gestrigen Mitarbeiterin mit einer anderen Mitarbeiterin beim Bedienen darüber, dass es sie nervt, wie langsam eine gewisse Person sei. Wieder ist es eine Konversation in der Fremdsprache, die ich verstehe. Der junge Mann bedient mich freundlich bis er mir meine eingepackten Schokoladencroissants und mein Chai Tea Latte überreicht und wünscht mir lächelnd einen guten Tag. Auch ich lächle den jungen Mann an und bedanke mich und wünsche ihm ebenfalls einen guten Tag. Während ich die Bäckerei verlasse, überlege ich, ob die beiden Damen über den jungen Mann geredet haben. Irgendwie schon, meine ich zu glauben?!

 

Mittwoch. Ich bin wieder auf dem Weg zur Arbeit. Gefrühstückt habe ich bereits zu Hause und daher verspüre ich weder Hunger noch Appetit. Im Portemonnaie ist weniger Geld als gestern. Wieder treibt mich irgendein Impuls in die Bäckerei gegenüber meiner Arbeitsstätte. Wieder stehe ich in der Schlange und welch Wunder, wieder werde ich von dem jungen Mann bedient, obwohl hier tagtäglich in den Morgenstunden bis zu fünf weitere Personen hinter der Theke stehen. Wieder bestelle ich zwei Schokoladencroissants und einen großen Chai Tea Latte To Go.

Während ich darauf warte, dass mein Latte zubereitet wird, wundere und ärgere ich mich, warum ich seit drei Tagen trotz knappem Geld und ohne Hunger in dieser Bäckerei ein ungesundes Frühstück kaufe. Meine Gedanken und Gefühle werden unterbrochen von einem Gespräch zwischen zwei Mitarbeiterinnen, die beiden von Montag, die bei der Zubereitung von Heißgetränken über eine Person sprechen, die sie extrem zu nerven scheint. Die beiden unterhalten sich wieder in der Fremdsprache, die ich verstehe.

Anders als die Tage zuvor, habe ich mehr Zeit, die Konversation mitzuverfolgen. Da die Fremdsprache nicht zwischen Femininum und Maskulinum unterscheidet, fällt es mir schwer herauszufinden, über wen die beiden sprechen könnten. Es ist aber klar, dass es um eine Person aus dem Kollegium geht. Ich lausche den harschen Worten, bis der junge Mann mein Chai Tea Latte zubereitet hat und ihn mir mit meinen eingepackten Schokoladencroissants überreicht. Wieder lächelt er mich an und wünscht mir einen schönen Tag. Ich erwidere sein Lächeln und wünsche ihm ebenfalls einen schönen Tag! Während ich die Bäckerei verlasse, überlege ich, ob die beiden Damen über den jungen Mann geredet haben. Mein Verstand sagt, dass ich es nicht wissen kann. Mein Gefühl ist sich jetzt ganz sicher.

 

Donnerstag. Seit dem gestrigen Tag geht mir die Situation nicht mehr aus dem Kopf. In der Bäckerei war ich heute nicht. Kein Impuls, aber einige Fragen: Warum treibt es mich seit drei Tagen trotz Geldknappheit und kein Hungergefühl in die Bäckerei? Warum lande ich zwecks Bedienung immer wieder bei dem gleichen Mitarbeiter? Warum bekomme ich Gespräche mit, die ich nur aufgrund meiner Fremdsprachenkenntnis verstehen kann?

Ach, was soll’s? Auch wenn die Damen über den jungen Mann geredet haben sollten, er schien nicht die Fremdsprache zu verstehen und ich sah keine Anzeichen, dass er sich irgendwie von diesen Gesprächen beeinträchtigt gefühlt hat. Aber, … was wenn sie doch über ihn redeten und ihn vielleicht auch anderweitig zusetzten? Würde ich es gut finden, wenn jemand mitbekommt, dass man über mich spricht und es mir nicht mitteilt? Nein! Ich stand und stehe immer noch auf der Seite der Wahrheit, auch wenn sie wehtut.

Wieder ein Impuls und ich suche die E-Mail-Adresse vom Kundenservice der Bäckerei heraus und verfasse eine E-Mail. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, dass die Damen über den jungen Mann redeten, schildere ich alles sachlich. Ich mache den Kundenservice darauf aufmerksam, dass ich als Kunde nicht dort einkaufen möchte, wo Animositäten herrschen, die auch noch so offensichtlich an die Kunden herangetragen werden. Auch wenn die Damen sich hinter eine Fremdsprache versteckt haben, die nicht nur von ihnen beherrscht wird.

Drei Stunden nach meiner E-Mail meldet sich der Kundenservice schriftlich zurück. Die Angelegenheit sei an den Bezirksleiter weitergeleitet worden, der bereits auf dem Weg zur Filiale ist, um sich dem Ganzen vor Ort anzunehmen. Meine Hinweise hätten dazu geführt, gewisse Vermutungen, die bisher vorhanden waren einen Rahmen zu geben. Der Kundenservice schreibt offen darüber, dass man bisher einen gewissen Verdacht hatte, aber nichts unternehmen konnte, weil alle schwiegen. Auch bedankt man sich für meinen Einsatz für den jungen Mann.

Mit so viel offener und ehrlicher Resonanz vom Unternehmen hatte ich nicht gerechnet. Ich bin froh, auch wenn der kleine Angsthase und Skeptiker in mir sich nicht ganz sicher ist, ob ich mich hätte einmischen dürfen. Per E-Mail bedanke ich mich für die schnelle Rückmeldung vom Kundenservice und gehe am späten Abend mit hauptsächlich positiven Gefühlen ins Bett. In Ruhe lässt mich die Sache jedoch noch nicht.

 

Freitag. Auch heute zieht es mich nicht in die Bäckerei, obwohl noch Reste von der Geschichte in mir mitschwingen. Als ich abends zu Hause bin, sehe ich eine weitere E-Mail vom Kundenservice in meinem Account. Die von mir zur Sprache gebrachte Angelegenheit sei jetzt abschließend für alle Beteiligten geklärt und gelöst worden. Es wird berichtet, dass durch meine E-Mail eine Basis geschaffen wurde, auf der interne Gespräche erst möglich wurden. Nicht nur die Kunden- auch die Mitarbeiterzufriedenheit schreibe man groß in dem Unternehmen und durch die angestoßene Kommunikation habe man eine bessere Grundlage für die Zukunft gelegt. Man bedankt sich für meinen Einsatz und auch für meine Offenheit, durch die in dem Unternehmen notwendige Änderungen eingeleitet wurden.

Die Wahrheit aussprechen zu können, zu seinen eigenen Werten stehen und sich dafür einzusetzen, ist sicherlich keine unbedeutende Angelegenheit. Auf der anderen Seite jedoch ist es auch nicht unbedeutend, die Wahrheit zu akzeptieren, sie anzunehmen und sie als Wertesystem für sich zu manifestieren. In diesem Fall führte die Aussprache und Annahme der Wahrheit dazu, dass jeder davon profitieren konnte. Mit dieser schönen Gewissheit setzt sich endlich der Punkt am Ende dieser Geschichte.

© Serap Yildirim / 2018

 

 

Beitragsbild: Photo by Roman Kraft on Unsplash
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12 Comments

  1. hummelweb

    Als ich las: „Die von mir zur Sprache gebrachte Angelegenheit sei jetzt abschließend für alle Beteiligten geklärt und gelöst worden.“ hatte ich schon Sorge, das es die Kündigung des Mitarbeiters bedeutet hätte. Schon seltsam, dass ich mir kaum vorstellen konnte, das die Geschichte sich zum Guten wendet. 😉 Danke fürs Aufschreiben!

    Gefällt 2 Personen

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