Wenn die Sonne aus dem Inneren scheint

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Es ist Anfang der Regensaison. Sie bekommt mir ganz und gar nicht. Seit fast drei Wochen ist es mittlerweile bewölkt, ständig kurze Regenschauer. Die grauen Wolken drücken mir zunehmend aufs Gemüt. Momentan scheint nichts in meinem Leben auch nur annähernd zu Laufen. Meine Seele schreit deshalb nach der Sonne und dem Meer.

Tagtäglich checke ich morgens den Wetterbericht, um dementsprechend an den Strand fahren zu können. Da ich den Bus nehmen muss und die Finanzen sehr knapp sind, kann ich nicht riskieren, dass das Fahrgeld umsonst ausgegeben wird, wenn es sich aufgrund des Wetters nicht lohnt einen Strandbesuch abzustatten.

Schon mehrmals zuvor habe ich an gewissen Tagen den Rucksack für den Strand gepackt, weil der Wetterbericht positiv ausfiel, um dann wieder enttäuscht zu Hause zu bleiben. Die Wettervorhersage deckte sich abermals nicht mit der Wetterrealität. Jedes Mal die Hoffnung, die in mir aufkeimte, endlich die wärmende Sonne auf meiner Haut zu spüren, um die zunehmende Anspannung in meinem Körper loslassen zu können. Jedes Mal die immer größer werdende Enttäuschung, wenn das Wetter eigene Pläne verfolgte, die sich nicht mit meinen deckten.

Wieder packe ich den Rucksack, denn die Wettervorhersage ist vielversprechend. Wesentlich vielversprechender als an allen Tagen zuvor und tatsächlich ist bis zum nächsten Tag klarer Himmel angesagt. Keine Wolken, einfach nur eine strahlende Sonne. Den ganzen Tag über. Alleine die Vorstellung, dass ich bald in der Wärme der Sonne am Strand liegen werde und im Meer schwimmen kann, bringt mich zum Lächeln. Ein Gesichtszug, welches schon lange in Vergessenheit geraten war.

Aber egal, ich bin jetzt genau an dem Ort, den ich mir seit Wochen herbeigesehnt habe: Am Strand! Langsam und jeden Schritt genießend, gehe ich am breiten feinen Sandstrand Richtung Meer. Nachdem ich einen passenden Platz gefunden habe, lasse ich meinen Rucksack in den Sand plumpsen. Eine Last weniger! Die anderen werden jetzt nach und nach von mir abfallen. Darauf habe ich schon so lange gewartet.

Ich schließe wieder mein Auge und übe mich in Geduld.

Ich richte meinen Platz ein und schaue Richtung Meer. Hach, es ist herrlich. Wie ein Traum, der Realität wurde. Endlich! Die Sonne und der blaue Himmel über mir, das Meer vor meinen Füßen. Mein Lächeln im Gesicht wird immer breiter. Wieder jeden Schritt genießend, gehe ich Richtung Meer und stecke meine Füße ins Wasser.

Das Lächeln in meinem Gesicht verschwindet. Das Wasser ist pisswarm! … Ganz ruhig, nicht entmutigen lassen und einfach weitergehen. Je weiter man geht, desto kühler wird das Wasser. Normalerweise! Heute anscheinend nicht. Egal wie weit ich auch rausgehe und später schwimme, das Meer ist und bleibt pisswarm. Das Wasser im Kinderbecken eines Hallenbads wäre jetzt wahrscheinlich kühler! Ich bin enttäuscht, schwimme etwas lustlos vor mich hin und versuche, mich von diesem kleinen Malheur nicht zu sehr entmutigen zu lassen.

Die Sonne strahlt, was will ich mehr? Das Wasser war enttäuschend, aber dies ist kein Grund, um dem Kopf hängen zu lassen. Zurück an meinem Platz, lege ich mich auf mein Strandtuch, schließe die Augen, nehme einen tiefen Atemzug und genieße die warmen Sonnenstrahlen auf meiner Haut! Wie gut das tut.

Das Rauschen des Meeres und die Stimmen der Strandbesucher wirken meditativ auf mich. Immer noch mit geschlossenen Augen genieße ich die wärmende Sonne und mein Körper beginnt langsam weicher zu werden, damit ich die drückende Last auf meiner Seele allmählich loslassen kann. Es vergehen ungefähr gefühlte sechs bis sieben Minuten. Das gelblich-orange leuchtende Licht der Sonne, welches mit geschlossenen Augen bisher für mich sichtbar war, verdunkelt sich zu einem Grauton und signalisiert mir, dass sich eine Wolke vor die Sonne geschoben haben muss.

Das ist OK. Das kann passieren, auch wenn keine Wolken im Wetterbericht angezeigt wurden. Die Wolke wird bald vorbeiziehen und die Sonne wieder wärmend strahlen. Es vergehen einige Minuten und der leichte Wind, den ich in der Kombination mit der Sonne bisher als angenehm empfand, lässt meinen Körper immer mehr erkalten. Das gefällt mir gar nicht, also entschließ ich mich, nachzusehen, wie groß die Wolke ist, um abschätzen zu können, wann ich wieder mit der wärmenden Sonne rechnen kann.

Erst öffne ich mein rechtes Auge. Oh ja, das sieht nach einer größeren Wolke aus, die von meinem Standpunkt aus von links nach rechts zieht. Wie groß sie wohl sein mag? Ich schließe wieder mein Auge und übe mich in Geduld. Weitere paar Minuten vergehen und mir wird zunehmend kälter. Ich beschließe diesmal beide Augen zu öffnen. Was ich sehe gefällt mir gar nicht! Diese Wolke ist groß! Wie groß, wird mir bewusst, als ich den Kopf langsam nach links drehe. Das ist keine Wolke! Das ist eine Wolkendecke und sie reicht bis zum Horizont!

Ich … bin fassungslos! War nicht klarer Himmel angesagt?! Bevor ich meine Wohnung verlies, habe ich extra nochmal den Wetterbericht gecheckt! Woher kommt diese graue Wolkendecke?! Warum habe ich sie gerade nicht gesehen?! Es wird Stunden, ach was, Tage dauern, bis sie vorbeigezogen ist. Wer weiß, was sich noch hinterm Horizont befindet?! Mein Körper liegt völlig erstarrt auf dem Strandtuch, in mir wütet ein Orkan.

Irgendwann realisiere ich, dass mein dunkelgrünes T-Shirt durch die Nässe meines Badeanzuges noch dunkler geworden ist.

Während mein Optimismus Wettertheorien aufstellt, dass sich der Wind schließlich urplötzlich drehen könnte und mein Pessimismus darauf scheißt, was mein Optimismus meint jetzt anbringen zu müssen, packt mein Realismus zusammen und begibt sich langsam, enttäuscht und völlig deprimiert auf den Weg zur Bushaltestelle.

Bei meinem Glück hat der Bus selbstverständlich eine enorme Verspätung. Als er endlich ankommt und ich ihn betrete, schießt mir die eiskalte Luft der Klimaanlage entgegen. Im Bus ist es kälter als draußen. Genau, was ich jetzt gebrauchen kann. Vor mir liegt eine über einstündige Fahrt! Die kalte Luft im Bus, lässt meinen Körper, meine Seele, meine Gedanken, meine Gefühle, … einfach alles erstarren. Ich fühle nichts mehr, nicht einmal die Kälte.

Irgendwann bemerke ich einen Mann, der mich sabbernd anstarrt. Irgendwann realisiere ich, dass mein dunkelgrünes T-Shirt durch die Nässe meines Badeanzuges noch dunkler geworden ist. An dem Strandabschnitt gab es keine Gelegenheit, sich umzuziehen. Somit trug ich meine Kleidung über den noch klammen Badeanzug. Irgendwann ziehe ich meinen Rucksack vom Boden hoch und platziere ihn auf meinen Schoß vor meinem Oberkörper. Irgendwann ist es mir egal, dass der Mann mich weiterhin noch anstarrt.

Da der erste Bus Verspätung hatte, sehe ich am Busbahnhof, wo ich umsteigen will, nur noch die Rücklichter des Buses, der mich nach Hause bringen würde. Da die Busse alle halbe Stunde fahren, verbringe ich 30 Minuten in sonnenloser Kälte und klammen Klamotten, umgeben von Menschenmassen an einem Busbahnhof. Ich ignoriere meine Außenwelt und die Blicke der Menschen jetzt sukzessiv. Ansonsten könnte es böse ausgehen, für alle Beteiligten.

War es wirklich zu viel verlangt, dass ich einfach einen schönen Tag verbringen wollte, um wieder Kraft zu schöpfen?

Nach einer Odyssee an Heimfahrt, steige ich langsam und kraftlos die Treppen im Wohngebäude hoch, um endlich in meiner Wohnung anzukommen. Ich lehne mich mit dem Rücken von innen an die Wohnungstür, die sich lautstark durch die schwere meines Körpers schließt. Langsam lasse ich meinen Rucksack, den ich immer noch vor meinem Körper trage, auf den Holzfußboden plumpsen. Eine Last weniger! Aber, was mache ich jetzt mit den anderen?

Immer noch mit dem Rücken gegen die Tür gepresst, zieht mich die Kraftlosigkeit ganz langsam nach unten, während die Tränen in mir hochsteigen. War es wirklich zu viel verlangt, dass ich einfach einen schönen Tag verbringen wollte, um wieder Kraft zu schöpfen? Während mein Körper immer weiter nach unten sinkt und die Tränen steigen, stoppt mich irgendetwas ganz plötzlich. Mein sinkender Körper und meine steigenden Tränen erstarren.

Wie von einer unbekannten Kraft geführt, hebt sich mein Körper und sinken meine Tränen. Schnurstraks gehe ich in die Küche, schnappe mir das große Vorratsglas mit Meersalz und gehe ins Badezimmer. Nachdem ich die Wanne stöpsle, lasse ich das Wasser laufen und alle Salzkörner einrieseln. Wie von einem Motor betrieben, gehe ich durch die ganze Wohnung und öffne alle Fenster. Dann ziehe ich meine Kleidung aus, lasse meinen Badeanzug an und steige in mein ganz persönlich kreiertes Meer hinein!

Ich schließe meine Augen und lausche dem noch einfließendem Wasser und dem Wind, der jetzt durch meine Wohnung zieht. Mein Meer hat genau die Temperatur, die ich mir gewünscht habe. Der feine Wind, zieht genauso, wie ich es will, durch meine Wohnung. Jetzt fehlt nur noch die Sonne.

Mit fällt ein, dass vor fast zwanzig Jahren die Kursleiterin des Autogenen Trainings uns hat einen Schluck ultraheißen Yogi Tee trinken lassen, damit wir spüren können, wo unser Solarplexus sitzt. Ich erinnere mich daran, wie sich damals der heiße Tee in meinem Körper am Punkt des Solarplexus wie eine innere Sonnenwärme ausbreitete. Dieses Gefühl ist jetzt genau das, was ich brauche.

Mit immer noch geschlossenen Augen, stelle ich mir vor, wie ich einen heißen Schluck Yogi Tee trinke. Dieser wandert durch meine Kehle weiter runter und strahlt die Wärme genau an meinem Solarplexus in alle Richtungen aus. Meine ganz persönliche innere Sonne. Ich lasse sie weiterstrahlen, so dass sich die Wärme langsam in meinem ganzen Körper ausbreitet.

Nach und nach gibt mein Körper meine Lasten an das Wasser ab, welches sie fließend von mir weitertransportiert. Sonne, Wasser, Wind. Ich fühle mich verbunden. Mit der Natur und vor allem mit mir selbst. Seit Wochen warte ich auf diesen Moment, dass die Natur mir eine Chance gibt, meinen Ballast loszuwerden. Jetzt sehe ich, dass meine Lösung nicht in der Natur, sondern in meinen eigenen vier Wänden und – noch wichtiger – in mir selbst steckt.

Mit einem breiten Lächeln im Gesicht und einer körperlichen Leichtigkeit, steige ich aus meinem Meer hinaus und schaue das Wasser an. Da schwimmen sie nun umher, meine Lasten. Ich ziehe den Stöpsel und sehe dabei zu, wie sie den Abfluss hinunterfließen. Adieu!

Nachdem sämtliches Meerwasser aus meiner Badewanne abgeflossen ist, schaue ich – noch am Rande der Wanne sitzend – aus dem Fenster hinaus und betrachte die Wolkendecke. Ich lächle, weil meine innere Sonne lächelt. Alles andere hat keine Relevanz mehr!

© Serap Yildirim / 2018

 

 

Beitragsbild: Photo by Ryan Moreno on Unsplash
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19 Comments

  1. Canan Uzerli

    Vielen Dank für diese wunderbare Geschichte! Du schreibst so bildhaft, das ist Kopfkino pur!:-) Und jetzt höre ich sie noch an und da geht die Sonne auf bei deiner Stimme!Vielen Dank!!

    Gefällt 1 Person

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