Bedingungslose Liebe

Geschichte von mir vorlesen lassen? Dann bitte Play-Button drücken.

 

An einem Wochentag besuche ich einen Freund, der seit einigen Monaten in einer Wohneinrichtung lebt, die sich auf Menschen mit Alzheimer spezialisiert hat. Mein Alzheimerfreund sitzt auf dem Sofa mit einer Freundin, die ebenfalls dort lebt – fünf Türen weiter.

Auf dem Sessel neben dem Sofa, sitzt die Ehefrau meines Alzheimerfreundes. Ich habe es mir im Schaukelstuhl gegenüber dem Sofa gemütlich gemacht. Seit geraumer Zeit sitzen wir hier zu viert gemeinsam und unterhalten uns über Themen, die sich mehrfach wiederholen, so als ob wir sie zum ersten Mal besprechen würden. Wir genießen zusammen ein Eis, was bei den sommerlichen Temperaturen so richtig guttut.

Irgendwann kehrt etwas Stille ein, denn jeder im Raum scheint sich mit etwas anderem zu beschäftigen. Mein Alzheimerfreund blättert, wie ich, gerade in einer Zeitschrift herum, seine Ehefrau beantwortet auf dem Smartphone Nachrichten und die Freundin checkt ihre vorbildlich manikürten Fingernägel.

„Ich hatte Sex mit einer Frau letzte Nacht…“ unterbricht mein Alzheimerfreund die Stille „… aber mit welcher?“

Mit seinem nachdenklichen Gesicht wendet er sich erst an die Freundin. „Hatte ich mir Dir gestern Sex?“ fragt er sie.

Die Freundin ist empört! Sie kann es kaum fassen, dass ihr so eine Frage gestellt wird. Was ihm einfallen würde. Sie sei eine anständige Person. Außerdem verlobt! Mein Alzheimerfreund schaut sie verwirrt an. Fakt ist, die beiden hatten Sex am Abend zuvor. Diese Information bekamen die Ehefrau und ich, als wir uns vor dem Besuch beim Pflegepersonal über seinen Zustand erkundigten.

Mein Alzheimerfreund dreht sich zu seiner Ehefrau und fragt sie, ob er mit ihr Sex am gestrigen Abend hatte. Die Ehefrau blickt vom Smartphone auf und versichert ihm, dass dies nicht sein kann, weil sie gestern Abend gar nicht anwesend war. Sie sei doch bei ihrer kranken Mutter gewesen. Dies ist die Notlüge, die sie ihm seit Monaten erzählt, um zu rechtfertigen, warum sie abends nicht anwesend ist.

Dieser Mensch kann mich nicht verletzen.

„Ja, Du hast recht. Du warst es nicht“, spricht mein Alzheimerfreund. Er wirkt immer noch verwirrt und dreht seinen Kopf jetzt in meine Richtung, während seine Ehefrau sich wieder dem Smartphone widmet und die Freundin weiterhin ihre manikürten Fingernägel inspiziert.

Nein, nein … nicht ich! Bitte nicht mich anschauen! Langsam rutsche ich im Schaukelstuhl runter, um nicht gesehen zu werden und hebe dabei die Zeitschrift in meinen Händen so weit nach oben, um mich dahinter zu verstecken. So weit, dass ich nur noch ganz leicht über die Zeitschrift hinwegsehen kann, um zu sehen, ob ich immer noch vom Alzheimerfreund angeschaut werde. Er schaut weg und seinem Kopfschütteln kann ich entnehmen, dass er mich vom gestrigen Abend ausschließt.

„Aber ich hatte doch Sex gestern Abend! Da bin ich mir ganz sicher! Aber mit wem?“

Leicht luke ich hinter meiner Zeitschrift hervor und schaue Richtung Ehefrau. Wie sie sich wohl fühlt? Gut, sie hatte schon vorher gewusst, was gestern Abend passiert war. Dass die beiden hier ein Paar wurden, war uns ebenfalls bekannt. Aber es musste doch schmerzhafter sein, so etwas vom eigenen Ehemann zu hören. Auch wenn er Alzheimer hat. Eine Situation á la Loriot. Tragisch. Komisch. Zum Heulen. Zum Lachen. Die Ehefrau scheint aber völlig unberührt zu sein. Spielt sie nur? Der Alzheimerfreund hat mittlerweile seine Frage vergessen und somit steht auch die Antwort nicht weiter aus. Der Besuch geht weiter, als ob die letzten Minuten gar nicht passiert wären.

Als die Ehefrau und ich uns später auf den Weg machen, um jeweils nach Hause zu fahren, frage ich sie, wie es ihr geht. Sie ist verwundert über die Frage.

„Na, wegen der Geschichte über gestern Abend“, erwidere ich. „Hat Dich das den gar nicht verletzt?“

„Nein“, antwortet sie sehr selbstbewusst und glaubhaft. „Warum sollte es? Mein Ehemann hätte mich so etwas nie gefragt! Ja, ich bin mit ihm verheiratet und ich liebe ihn nach wie vor. Aber der Mann, der mir heute diese Frage gestellt hat, ist nicht mein Ehemann. Wir alle verändern uns, aber er hat sich nicht verändert. Er ist durch diese Krankheit ein anderer Mensch geworden. Dieser Mensch kann mich nicht verletzen. Den in diesen Menschen habe ich mich nicht verliebt und Jahrzehnte mit ihm verbracht.“

Das ist so powervoll, was sie sagt.

Die Ehefrau erzählt, wie lang und schwer bisher dieser Weg war. Irgendwann kam sie an den Punkt, wo sie losgelassen hat, damit sie wieder in die eigene Kraft kommt. Was würde es ihr nutzen, unter dieser Situation zu leiden? Gar nichts! Und würde es ihn weiterbringen, wenn sie nicht in ihrer Kraft wäre? Nein!

Sie habe durch diese Krankheit gelernt, bedingungslos zu lieben. Anders zu lieben, als zuvor. Ihren Ehemann und vor allem sich selbst. Sie möge jetzt vielleicht in gewisser Hinsicht Krankenpflegerin für ihn sein, aber sie sei auch Mensch und vor allem eine Frau.

Ich bin fasziniert. Zu mir spricht eine Person, die trotz aller Widrigkeiten, in ihrer Kraft steht. Obwohl sie schon lebenslang einen sehr steinigen Weg gegangen ist und noch weiterhin geht, schafft sie es aus ihrem Powerzentrum heraus tagtäglich neuen Mut und vor allem Liebe für sich, ihren Ehemann, ihre Familie und für alle in ihrer Umgebung zu generieren.

Bewunderns- und auch nachahmenswert.

© Serap Yildirim / 2018

 

 

Beitragsbild: Photo by Lotte Meijer on Unsplash
Sound für Audio: https://www.zapsplat.com/music/classical-piano-music-taylor-howard-mary/

 

14 Comments

        1. mynewperspectivesite

          Egal aus welcher Perspektive ich Dein Kommentar momentan auch betrachte, habe ich Schwierigkeiten, Deinen Gedankengang nachzuvollziehen. Statt „Sex“ kann hier auch etwas anderes stehen. Menschen mit Alzheimer können sogar Familienangehörige, wie ihre eigenen Kinder, vergessen und erkennen sie nicht wieder, wenn sie vor einem stehen. Die Analogie eines Menschen mit Alzheimer und einem Tier kann ich in diesem Zusammenhang ebenfalls nicht nachvollziehen.

          Gefällt 1 Person

  1. Heidrun Regina

    Liebe Serap,
    ich bin beeindruckt:
    Von der Haltung der Ehefrau
    und Deiner Schreibkunst.
    *
    Du hast mich ganz lebendig mitgenommen und ich habe mir die Frage gestellt: „Wie würde ich da reagieren?“ Natürlich bleibt es eine theoretische Frage – als Nicht-Ehefrau – jedoch fühlt etwas in mir, wie tief bedingungslose Liebe gehen kann, durch Situationen, die das Leben zum Üben bereit hält.
    Danke und alles Liebe auch für Dich
    Heidrun

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspectivesite

      Liebe Heidrun,
      danke Dir ganz herzlich für diese sehr schöne Rückmeldung.
      Es ist in der Tat schwierig zu sagen, wie man selbst reagieren würde. Aus dieser Situation habe ich persönlich viel gelernt und erinnere mich in bestimmten Momenten immer wieder daran. Einfach ist es nicht, aber Übung macht den Meister.
      Nochmals Danke und alle Liebe auch für Dich
      Serap

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s