Vom Ohrwurm zur Katharsis


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An einem Sonntagmorgen wache ich auf und mein allererster Gedanke ist: Hallelujah!

Nein, ich bin nicht froh, dass ich noch lebe und eine weitere Nacht in meinem Leben überstanden habe. Das ist selbstverständlich ein Grund zur Freude, aber ich denke an das Lied ‚Hallelujah‘ von Leonard Cohen. Noch im Bett liegend überlege ich, ob ich wohl im Traum gesungen habe. An so etwas kann ich mich jedoch nicht erinnern. Auch überlege ich, ob irgendetwas im Schlaf passiert und zum Abschluss gekommen ist und mein Körper deshalb sich im Stadium eines Hallelujahs befindet. Aber auch mit dem Gedanken komme ich nicht wirklich weiter.

Nachdem ich mein Bett verlasen habe, gehe ich den langen Flur Richtung Wohnzimmer und singe vor mich hin: Hallelujah, Hallelujah, Hallelujah, Halleluuuuuuujaaaaaaah. Das Lied lässt mich nicht mehr los. Dabei kenne ich nicht einmal den Text. Sondern tatsächlich nur ein einziges Wort in dem gesamten Stück: Hallelujah!

Nach dem Frühstück und den unzähligen Hallelujahs die ich immer und immer wieder laut oder auch innerlich singe, setze ich mich an den Laptop und suche nach dem Text, um herauszufinden, ob da irgendetwas ist, was mich weiterbringt in der Frage, warum der Refrain dieses Liedes mir nicht mehr aus dem Kopf geht.

Meine Recherchen bringen mich nicht wirklich weiter in meiner Fragestellung, aber ich lerne eine ganze Menge über das Lied, über Leonard Cohen und lese mich nach langer Zeit mal wieder in das Altes Testament ein. Mit nichts Weiteres im Lied verbinde ich irgendetwas bestimmtes, nur in dem Wort Hallelujah schwingt eine Resonanz. Fast mantraartig wiederholt sich das Lied. Es löst derartige Gefühle aus, so dass ich gar nicht mehr weiß, wohin damit. Irgendetwas in meinem Inneren scheint zu meinen Gunsten zu passieren. Ich singe nicht nur, ich fühlte es auch, ohne zu wissen, was es tatsächlich ist. Ein vielleicht lang ersehnter Entwicklungsprozess findet statt? Falls es so ist: Hallelujah!

Nachdem mich das Lied nach ein zwei Wochen intensiver Beschäftigung wieder verlässt, freue ich mich über die Ruhe in mir. Jedoch viel zu früh! Der nächste Ohrwurm steht schon in der Schlange und nach zwei Tagen Ohrwurmpause macht auch dieser sich bemerkbar. Während ich am Schreibtisch sitze und brav mein Haushaltsbuch auf den aktuellen Stand bringe ist er plötzlich da: Mein neuer Ohrwurm ‚Sil Baştan‘, der plötzlich lautstark aus mir herausbricht:

Sil baştan başlamak gerek bazen
Hayatı sıfırlamak
Sil baştan sevmek gerek bazen
Her şeyi unutmak*

Sil Baştan ist türkisch und bedeutet Neuanfang. Das Lied von Şebnem Ferah ist mittlerweile fast zwanzig Jahre alt und auch hier kenne ich wieder nur den Refrain. Was um Himmels willen bringt mich bei der Aktualisierung meines Haushaltsbuches dazu, dass dies jetzt aus mir herausplatz? Ich habe nicht die geringste Ahnung!

Also recherchiere ich wieder. Lerne den Text auswendig, suche in der Lyrik weitere Bedeutung für mich und mein Leben und singe das Lied fast pausenlos. Überall ist es präsent … in meinem Kopf, auf meinen Lippen. Sil Baştan. Neuanfang. Nachdem sich wohl vor Wochen ein Entwicklungsprozess in Bewegung gesetzt und mit dem Hallelujah an Bewusstsein gewonnen hat, scheint in meinem Leben ein Neuanfang geplant zu sein. Na dann, ich lasse mich überraschen.

Vor allem die letzte Strophe des Liedes berührt mich sehr. Dort heiß es:

Als ob heute der letzte Tag wäre
Möchte ich ihn in vollen Zügen leben
Was immer auch meinen Weg kreuzen wird
Möchte ich es begrüßen und weitergehen

Ja, genau das ist es! Den Tag in vollen Zügen genießen. Jeden Einzelnen. Und was auch immer an Aufgaben das Leben stellt, es als Geschenk annehmen und einfach weitergehen. Den Weg des Herzens folgen. So singe ich. Sil Baştan. Immer und immer wieder. Wie ‚Hallelujah‘ zieht es sich wie ein Mantra durch meinen Alltag, bis ich es selbst nicht mehr hören kann. Dann kehrt wieder Stille ein. Ich spüre, dass auch diese Phase in meinem Leben innerlich einen Abschluss findet. Endlich!

In den folgenden Tagen darauf, quäle ich mich mir einer ganz entscheidenden Fragestellung in meinem Leben. Hin- und hergerissen im Pro und Contra der resultierenden Konsequenzen, sitzt, wie es so schön im türkischen heiß, ein Ochse auf meiner Brust. Sprich, die anstehende Entscheidung fällt mir so schwer, dass ich kaum atmen kann. Wenn ich ganz ehrlich bin, kenne ich die Antwort auf meine Frage bereits, aber das Verlassen der Komfortzone fällt mir so schwer, obwohl ich mich in dieser Zone schon so lange nicht mehr komfortable fühle.

Tage später. In meiner Küche stehend, bereite ich einen bunten Salat mit vielen unterschiedlichen Sprossen vor und da ist er, der nächste Ohrwurm. Diesmal ist es zunächst die Melodie, die mich nicht loslässt. Erst innerlich und dann auch laut vor mich hersummend merke ich, dass sich gerade etwas in mir in Bewegung setzt. Zu der Melodie gesellt sich irgendwann der Text Dünya Dönüyor (Die Erde dreht sich) und …. da ist sie! Die Antwort! Klar fließen sie über meine Lippen! Die Antwort, die mich aus der Komfortzone herausbegleitet und mir ganz deutlich und unmissverständlich meine eigene Entscheidung, die ich in mir trage, laut vorsingt!

Warum mir dieser mutige Entschluss beim Waschen von Sprossen für meinen Salat kommt, hinterfrage ich erst gar nicht. Der Ochse auf meiner Brust ist nicht mehr spürbar. Die Leichtigkeit, die jetzt durch meinen Körper fließt, verstärkt sich, nachdem ich die Sprossen, Sprossen sein lasse und zu meinem Laptop renne, um mit dem Song mich und meine Wohnung zu beschallen.

Die Musik läuft. Die Zubereitung des Salates ist erst einmal vergessen. Während die rhythmischen Töne des Akkordeons und der Darbuka in den ersten Sekunden des Liedes das Bild eines in Gang kommenden Wagens in mir hervorrufen, hat sich mein Körper bereits in den Tanzmodus versetzt. Als die Räder des Wagens immer weiter von den Rhythmen getragen, freudig auf dem neuen Weg rollen, rollen meine Hüften fließend mit jedem Schritt nach vorne mit.

Als die zauberhafte Stimme von Canan Uzerli ansetzt, lasse ich mich von der Sanftheit des Klanges und der Bedeutung der Lyrik weitertänzelnd tragen:

Jahrelang habe ich die Wahrheit nicht gesehen.
Mein Herz hat mich so laut gerufen,
ich wollte es nicht hören.

Jahrelang bin ich vor mir selber davongerannt,
habe 1001 Ausrede erfunden,
um meinen Weg nicht zu gehen.

Die Erde dreht sich,
und so werde auch ich nicht mehr umdrehen!
Ab jetzt geht der Weg vorwärts.

Von tiefer Freude durchspült, rolle ich mit der Musik auf meinem Weg immer weiter nach vorne. Meine Arme ausgebreitet. Wie die Flügel eines Vogels schweben sie in die Lüfte, während meine Füße, meine Räder, eine ganz starke Bodenhaftung spüren.

Als sämtliche Instrumente im Stück zur Ruhe kommen und die Stimme der Sängerin sich in hingebungsvoller Intimität nur mit den Gitarrentönen verbindet, fühle ich in dieser Sanftheit, die eigene Verbundenheit mit meiner innerlichen Quelle.

Ich werde ab jetzt der Stimme meines Herzens vertrauen.
Ich bete, dass mein Weg mir offen sein möge.
Der Schöpfer möge mir helfen.

Weiter geht es im Lied mit den dynamischen Rhythmen und lassen erneut meine innerlichen Räder freudevoll immer weiter und weiter auf meinem Weg rollen:

Was auch immer aus meinem Inneren kommt,
es möge mutig und wahrhaftig sein
und mich unterstützen.

Immer noch beflügelt von der Musik rolle ich weiter auf einem unbekannten Weg. Neue Landschaften, neue Menschen, neue Erkenntnisse, neue Schönheiten, neue Perspektiven. Dann setzt ein Darbukasolo ein und ich merke, jetzt ist es Zeit für einen kurzen Moment zu stoppen und unnützen Ballast abzuwerfen. Die Rhythmen laden förmlich dazu ein, alles Alte mal von sich abzuschütteln. Ein paar kraftvolle Shimmys den Körper abwärts tuen jetzt wahnsinnig gut: Erst die Schultern, dann die Brust, weiter runter zu den Hüften und zum Abschluss ein kurzes beben in den Beinen, dass von unten nach oben zieht und damit alles vom Körper abwirft, was auf dem neuen Weg nicht dienlich ist. Aaachhhh, tut das gut!!! Und weiter geht’s freudig vorwärtsrollend auf dem neuen Weg, bis die Stimme der Sängerin das letzte Wort „vorwärts“ dermaßen in die Länge und stimmlich in die Höhe zieht, dass mir keine andere Wahl bleibt, aus der Bodenhaftung in den Flugmodus überzugehen. Was für ein wundervoller Neuanfang!

Und weil es wirklich so schön war, noch einmal von vorne …

©Serap Yildirim / 2018

 

* Manchmal muss man (wieder) von vorne beginnen
Das Leben auf null setzen
Manchmal muss man (wieder) neu lieben
Alles (alte) vergessen

 


Erwähnte Lieder im Text:
– Hallelujah von Leonard Cohen: https://www.youtube.com/watch?v=ttEMYvpoR-k
– Sil Baştan von Şebnem Ferah: https://www.youtube.com/watch?v=-_W0X9hakVU
– Dünya Dönüyor von Canan Uzerli: https://lnk.to/CananUzerli_IGS; https://www.youtube.com/watch?v=NaO9Y-FBMiY

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