Seine Tränen über mein Gesicht

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Photo by Kat J on Unsplash

 

Wieder, mitten in der Nacht, höre ich sie, die weiche, sanfte, männliche Stimme, die mich leicht rüttelnd weckt und zu mir spricht: „Wach auf und bete.“

„Hhhhhhhmmm, schon wieder? … Ist wieder Vollmond?“ frage ich schlaftrunken.

„Nein“, antwortet die weiche, sanfte, männliche Stimme und beauftragt mich erneut: „Bete!“

„Wieder für ihn?“ frage ich, um sicher zu gehen, für wen das Gebet gerade gelten soll.

„Ja. Bete.“

Anscheinend kann ich diesmal liegen bleiben, was ich auch tue. Die Aufgabe ist nicht mehr neu und ungewohnt. Die Erfahrung hatte ich bereits vor ein paar Wochen schon gemacht, also weiß ich genau, was zu tun ist. Wohlig und warm eingepackt in meinem Bett, fange ich an zu beten. Die einzigen zwei Gebete, die ich kenne und die mir meine Mutter als Kind beigebracht hat.

Auch wenn mein Körper schwer und müde mit geschlossenen Augen im Bett liegt, bin ich innerlich hellwach und spüre ganz klar den Moment, der nun komplett meiner Aufgabe gewidmet ist. Schon zu Beginn des Gebetes fühle ich nicht nur mich selbst, sondern ihn, den Freund, für den das Gebet bestimmt ist, in mir. Dies ist kein Moment von Empathie. Nicht ich bin diejenige, die sich in den Freund hineinfühlt, nein, die Seele des Freundes hat sich meinen Körper ausgesucht, um durch ihn etwas zu lösen, was er selbst durch seinen Körper anscheinend nicht lösen kann.

Es fließen Tränen. Seine Tränen über mein Gesicht. In meinem Körper zwei Seelen. Meine und die des Freundes.

Der weibliche Anteil meiner Seele spricht die zwei Gebete in Schleife und unterstützt dadurch voller Hingabe den Prozess, der gerade durch meinen Körper abläuft. Der männliche Anteil meiner Seele, ist fokussiert auf das Ziel und gibt dem Geschehen aktiv eine Struktur und dadurch einen Halt, so dass meine weibliche Seele sich nicht in der Aufopferung selbst verliert.

Der männliche Seelenanteil des Freundes kämpft vor allem mit sich selbst und versucht dynamisch zu zerstören, was innerlich zerstört werden kann. Der weibliche Seelenanteil des Freundes wandelt Teile diese Kraft in eine heilende Energie um, in der die Selbstliebe erlaubt ist und erschafft somit ein neues Eigenbild, welches sich manifestieren darf.

Sichtbar werden die beiden Seelenanteile des Freundes in seinen Tränen, die über mein Gesicht fließen. Ganz leise, zögerlich, sehr langsam und ohne viel Aufmerksam zu erregen, bahnen sie ihren Weg aus dem inneren nach außen. Es erweckt den Anschein, als ob sie keiner sehen würde, wenn sie ganz leise, zögerlich, sehr langsam und ohne viel Aufmerksam zu erregen, über mein Gesicht fließen. Der männliche Seelenanteil des Freundes scheint so sehr in Gericht mit sich selbst zu sein, dass sogar der weibliche Seelenanteil mit der heilenden und zulassenden Unterstützung nur sein darf, wenn die eigentliche Heilung durch einen anderen Körper, der ein paar Tausend Kilometer entfernt ist, geschehen darf.

An einem ganz bestimmten Punkt eines der zwei innerlich gesprochenen Gebete, spüre ich, dass die Tränen aufhören zu fließen und das eine gewisse Ruhe in beide Seelenanteile des Freundes einkehrt. Genau zu diesem Zeitpunkt verlässt seine Seele meinen Körper und ich falle sofort in einen tiefen Schlaf, als ob nichts passiert wäre.

In den Tagen, Wochen, Monaten, ja, sogar Jahren danach wundert es mich immer wieder, welche ungewöhnlichen Wege wir gehen, um uns selbst zu heilen.

© Serap Yildirim / 2018

 

 

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