Das Geschenk der Lebensaufgabe

pexels-photo-424517.jpeg

 

Es sind mittlerweile schon über zehn Jahre her. An einem späten Vormittag gehe ich bei klirrender Kälte und klarblauem Himmel in den Park, um einen kurzen Spaziergang vor dem Mittagessen zu machen.

Die Sonne scheint an diesem Spätjanuartag und der Park erscheint durch das wundervolle Licht ganz besonders einladend. Außer mir ist weit und breit keine Person zu sehen. Der gesamte Park gehört momentan nur mir.

Irgendwann bemerke ich, dass meine Schritte immer langsamer werden. Eine zunehmend schwerer werdende Last auf den Schultern und dem Rücken beugt meinen gesamten Oberkörper so weit nach vorne, dass ich kaum noch vorankomme. Das Gewicht wird irgendwann dermaßen schwer, dass mein Oberkörper einen 90º Winkel zum Rest meines Körpers bildet. Mittlerweile sind meine Schritte unter der Last so klein geworden, dass ich gerade mal ein bis zwei Centimeter pro Schritt vorwärtskomme. Die Parkbank zu meiner rechten Seite, die höchsten einen Meter entfernt ist, erscheint für mich unerreichbar.

Noch bevor ich realisieren kann, was mit mir soeben passiert, verlasse ich meinen Körper, drehe mich um 180º und stehe nun circa drei Meter entfernt vor mir selbst. Es ist, als ob ich in einem Film sitze, indem ich die Hauptrolle spiele. Immer noch gebückt mit einer imaginären Last auf meinem Rücken, sehe ich aus meiner Zuschauerposition heraus, dass links hinter meinem Gebückten-Ich meine Mutter erscheint. Sie lächelt. Sie lächelt, so wie ich sie im wahren Leben nicht habe lächeln sehen. Sie wirkt glücklich und stolz. Sie wirkt so glücklich und stolz, so wie ich sie im wahren Leben noch nie so glücklich und stolz erlebt habe. Es ist, als ob das Lächeln, das Glücklichsein und der Stolz sich in einer ganz anderen Dimension präsentieren. Fast schon überirdisch.

Während mein Gebücktes-Ich sich immer noch nicht von der imaginären Last aufrichten kann, sieht mein Zuschauer-Ich, meine längst verstorbene Großmutter rechts hinter meinem Gebückten-Ich erscheinen. Auch meine Großmutter lächelt. Sie lächelt, so wie ich sie im wahren Leben noch nie habe lächeln sehen. Sie wirkt so glücklich und stolz. Sie wirkt so glücklich und stolz, so wie ich sie im wahren Leben noch nie so glücklich und stolz erlebt habe. Mein Gebücktes-Ich, meine Mutter links hinter mir und meine Großmutter rechts hinter mir, bilden nun ein Dreieck.

Nach und nach erscheinen immer mehr und mehr Mütter der Mütter und bilden einen immer größer werdendes Dreieck. Die weiteren Gesichter kann mein Zuschauer-Ich nicht mehr wahrnehmen, aber das Lächeln, das Glücklichsein und der Stolz nimmt derartig zu, dass ich diese Energie spüren kann, auch wenn es mir nicht möglich ist, dies in den Gesichtern meiner Urahninnen zu sehen.

Immer noch mein Gebücktes-Ich an der Spitze des Dreiecks sehend, richtet sich der Blick meines Zuschauer-Ichs in Richtung meiner Mutter. Ihr Gesichtsausdruck begleitet von einer sehr kleinen, kaum wahrnehmbaren, aber sehr kraftvollen Geste, zeigt mir, dass ich weitermachen soll. Mein Zuschauer-Ich richtet nun den Blick zu meiner Großmutter. Auch hier der gleiche Gesichtsausdruck, begleitet von einer sehr kleinen, kaum wahrnehmbaren, aber kraftvollen Geste, die mir zeigt, dass ich weitermachen soll. Ohne den gleichen Gesichtsausdruck bei meinen Urahninnen sehen zu können, fühlt mein Zuschauer-Ich ihren positiven Zuspruch, dass ich weitermachen soll.

Mit einer 180º Drehung, verbindet sich mein Zuschauer-Ich wieder mit meinem Gebückten-Ich. Langsam und ohne irgendeine Last auf meinem Rücken und auf meinen Schultern zu spüren, richte ich mich auf und drehe mich um, um zu sehen, ob jemand hinter mir steht. Da ist niemand. Dann drehe ich mich einmal im Kreis, um zu sehen, ob es irgendeinen Menschen gibt, der alles miterlebt hat und mir sagen kann, was gerade passiert ist. Da ist niemand. Der Park gehört momentan nur mir.

Auf dem Weg zurück, wird mir mit fast jedem Schritt den ich vorwärtsgehe, bewusst, was sich gerade offenbart hatte. Dieses außergewöhnliche Erlebnis, war eine Visualisierung meiner Lebensaufgabe. Alle meine weiblichen Vorahninnen gingen ihren persönlichen Weg und erfüllten auf dieser ihre eigenen. Was offen blieb oder vielleicht sogar offenbleiben musste, wurde an die nächste weibliche Generation weitergetragen. So hatte jede einzelne ihren Beitrag geleistet, für sich selbst, die vergangene Generation und auch für die kommende, alle Aufgaben zu meistern, so gut es ging, soweit es ihnen möglich war und soweit es ihnen ermöglicht wurde.

An der Spitze des Dreieckes stehend, gibt es für mich nichts, was ich weitergeben kann, an die nächste weibliche Generation. An der Spitze des Dreieckes stehend, trage ich nicht nur die Last meiner ganz persönlichen Lebensaufgabe, sondern auch die unerledigten, die an mich weitergegeben wurden. An der Spitze des Dreieckes stehend, gibt es gar niemanden, der mir zur Seite steht, aber so viele, die mir den Rücken stärken. An der Spitze des Dreieckes stehend, wird durch mein Tuen nicht nur ich erlöst sein, sondern auch alle weiblichen Vorfahren.

Weiter auf meinem Weg zurück, öffnen sich für mich die Themen meiner Lebensaufgabe: Freiheit und Selbstbestimmung, Glaube und Spiritualität, Frausein und Weiblichkeit, Beruf und Berufung. Anscheinend habe ich nichts ausgelassen und immer wieder hier geschrien und den Finger gehoben, als Lebensaufgaben verteilt wurden. Wundert es, dass ich da unter der Last dieser Aufgaben mich nicht aufrichten konnte?

Mir wird bewusst, dass ich einen langen, steinigen, kurvenreichen und sehr anstrengenden Weg vor mir habe, der mich am Ende mit etwas belohnen wird, was ich vorher nicht hätte erträumen können. Mit so einer Aussicht wird mir klar, dass jeder meiner Schritte auf diesem Weg die richtigen Schritte auf dem richtigen Weg sind … auch wenn mein Ego seit Jahren gerne etwas anderes hören würde.

© Serap Yildirim / 2018

  1. Wahnsinn was Du da wieder so Besonderes erlebt hast…da bekomme ich Gänsehaut. Was für eine geballte Frauenkraft Deiner weiblichen Ahnenkette da hinter Dir steht….Und dennoch: Darf es auch leicht sein? Ja! Ich wünsche Dir da eine Schar Schmetterlinge, die Dich begleiten auf Deinem Weg und Dich daran immer wieder erinnern! Wunderschön!

    Gefällt 1 Person

  2. Ich bin ganz mit Dir! Das Leben ist umfangreich und wunderschön! Mögen noch so viele Aufgaben uns gestellt werden, mögen noch so viele Probleme ihren Weg zu uns finden, sie geben uns die Möglichkeit uns zu entwickeln, sie sind unsere Aufgaben, um uns zu verändern.
    Das Geschenk unserer AhnenInnen liegt darin, bereits Antworten an uns weitergegeben zu haben; ihre Erkenntnisse fließen in unsere Erziehung ein; ich bin dankbar dafür und freue mich darüber mit welchen Freiheiten wir heute aufwachsen dürfen! Danke für Deinen einfühlsamen Text und Deine Gedanken! Leben ist aufregend und pulsiert durch jeden Tag des Daseins! Lass es uns zelebrieren mit aller Kraft, die uns möglich ist und die uns von unseren VorfahrenInnen als zusätzliches Geschenk gegeben wurde!

    Gefällt 1 Person

    • Danke Dir sehr, liebe Christine. Wie recht Du hast. Das Schöne ist doch, dass schon so viel Vorarbeit von den AhnenInnen geleistet wird, so dass wir dort weitermachen können, wo die Vorfahren aufgehört haben. Es ist immer wieder gut, sich ins Gedächtnis zu rufen, welche Arbeit uns schon längst abgenommen wurde und welche wundervollen Möglichkeiten uns die bieten, die wir vor uns haben.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: