Wenn alles schiefgeht und es richtig ist!

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Seit Monaten suche ich nach einem neuen Job. Alle meine Bewerbungen laufen ins Leere, dabei scheitert es nicht an Qualifikationen. An einem Mittwoch bekomme ich einen Anruf. Ein Unternehmen, lädt mich für den nächsten Montag zum Gespräch ein. Ich sage zu!

Schnell buche ich die Bahnfahrt und das Hotel, denn das Gespräch wird in einer Stadt sein, welches sich über 650 km entfernt befindet. Trotz der Euphorie gibt es irgendetwas in mir, dass sich nicht richtig anfühlt. Ohne zu wissen, was, bin ich mir sicher, dass etwas nicht stimmt. Nicht stimmen kann. Egal. Sehr gründlich bereite ich mich auf das Gespräch und meinen Gesprächspartner vor und schreibe mir die Fragen auf, die ich während des Gespräches stellen möchte. Ich bin perfekt vorbereitet.

Am Freitag spüre ich einen undefinierbaren Schmerz im Rücken. Das merkwürdige Gefühl ist auch nach wie vor präsent. Am Samstag sind die Schmerzen so unerträglich, dass ich nun mehrfach am Tage zu Schmerzmittel greife und mich fast ausschließlich im Bett aufhalte, um mich zu schonen. Am Sonntag habe ich bereits eine halbleere Packung Schmerzmittel aufgebraucht und fange eine neue Packung mit einem anderen Wirkstoff an. Am späten Nachmittag raffe ich mich dann auf, um ein warmes Bad zu nehmen und mich auf den morgigen Tag vorzubereiten. Da mein Gespräch um 18 Uhr stattfinden wird, werde ich Montagmorgen die Reise antreten. Im Bad bemerke ich merkwürdige Flecken auf meinem Körper. Gratulation, auch ohne ein Arzt zu sein, diagnostiziere ich meine ganz persönliche Gürtelrose!

Am Montagmorgen flitze ich erst einmal zu meiner Hausärztin. Ich habe genau 18 Minuten, um nach Praxiseröffnung mir trotz fehlenden Termins, die erste Behandlung zu erbetteln, die Ärztin zu sehen, mein Rezept zu bekommen, in die Apotheke zu rennen, die Medikamente zu besorgen, um mich dann in die Straßenbahn zu setzen um pünktlich den Fernzug zu erreichen. Alles klappt, wie am Schnürchen. Alle, die hören, dass ich auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch am anderen Ende des Landes bin, arbeiten extraschnell, um mich zu unterstützen.

Im Zug kann ich mich über sechs Stunden nicht anlehnen, weil der Berührungsschmerz trotz Schmerzmittel nicht ertragbar ist. Es wird eine ungemütliche Fahrt, die ich in Kauf nehme, weil dieses Gespräch etwas Positives für mich bringen kann.

Am Zielbahnhof angekommen, schlendere ich noch etwas durch die Innenstadt, um dann komplett vorbereitet in mein Gespräch zu gehen. Dieses merkwürde Gefühl in mir ist nach wie vor vorhanden. Irgendwas stimmt nicht, aber was?

Im Unternehmen angekommen, werde ich vom Geschäftsführer etwas emotionslos begrüßt. Ich folge ihm in einen Besprechungsraum. Wir setzen uns beide hin und ich warte darauf, dass mein Gesprächspartner mit einem Smalltalk beginnt. Er tut es nicht und kommt gleich zum Punkt:

„Frau Yildirim, der Grund warum ich Sie eingeladen habe, ist, weil Sie so schöne, lange, schwarze Haare haben und einen wunderbaren Kontrast zu mir bilden, weil wir vor dem Kunden als Paar auftreten müssen.“

Ich stutze. Innerhalb von ein zwei Sekunden frage ich mich, ob es hier eine versteckte Kamera gibt und/oder der Medikamenteneinfluss bei mir eine Wahrnehmungsstörung ausgelöst hat. Ein blitzschneller Blick so weit möglich durch den Raum. Wo könnte die Kamera stecken? Da ich gegenüber einer Fensterfront sitze, müsste sie, wenn, woanders platziert sein. Medikamente schließe ich aus, da ich lediglich vor mehreren Stunden Schmerzmittel genommen und seitdem keinerlei Nebenwirkungen bemerkt habe, die diesen Moment rechtfertigen könnten.

Seit Tagen spürte ich, dass irgendetwas nicht stimmt. Ist das etwa der Beweis? Statt empört oder gar verwundert zu reagieren spiele ich die perfekte Businessfrau. Mit meinem Pokerface erwidere ich: „Das ist höchst interessant! Zugegeben hat mich aus diesem Grunde noch nie jemand eingeladen, zumindest hat dies keiner bisher in dieser Form zugegeben.“

„Jaaa“, lacht er auf. „Nicht, dass sie das jetzt falsch verstehen…“

Um Gottes Willen, wie könnte man so eine Aussage falsch verstehen?  … denke ich während er weiterredet.

„… Meine Schwägerin kommt auch aus dem orientalischen Raum. Sie ist ein Verkaufstalent, sage ich Ihnen! Überhaupt ist jeder aus dem Orient ein geborener Verkäufer und ich setze nun mal gerne auf das richtige Pferd!“

Yeeeehaaaa! Schießt es mir durch den Kopf! Dieses Kompliment werde ich sicherlich ein Leben lang nicht vergessen!

„Das den Menschen aus dem orientalischen Raum Verkaufstalente zugesprochen werden, habe ich auch schon gehört“, entgegne ich so nüchtern und sachlich wie es nur gehen kann.

Es folgt ein äußerst langer Monolog über die Schwägerin und ihre verkäuferischen Talente, sowie über den Rest der Familie. Dies nehme ich zum Anlass, um zu fragen, warum er seine Schwägerin nicht einstellen würde. Sie möchte nicht für die Familie arbeiten, heißt es. Aus gegebenem Anlass kann ich dies verdammt gut nachvollziehen!

„Ich weiß, dass ich Sie das gar nicht fragen darf, aber planen Sie in der nächsten Zeit schwanger zu werden?“ fragt er mich doch allen Ernstes.

„Nicht das ich wüsste!“ antworte ich trocken und auch recht desinteressiert.

Das ich das Gespräch gar nicht mehr ernst nehmen kann, versteht sich sicherlich von selbst. Ein Job wird hier definitiv nicht für mich rausspringen, trotzdem verlasse ich nicht den Raum, den ich weiß schließlich nicht, welche Kuriositäten mich noch erwarten werden. Und ich werde absolut nicht enttäuscht.

„Nun, Sie müssen darauf ja auch gar nicht wahrheitsgemäß antworten“, führt er fort.

„Da stimme ich Ihnen zu“, bestätige ich meinem Gegenüber.

„Ich frage auch nur, weil ich all die vorherigen Assistentinnen verloren habe, weil sie schwanger geworden sind.“ Als der dies von sich gibt, wirkt sein Gesicht angeekelt.

„Das liegt in der Natur einer Frau“, werfe ich in seiner Atempause ein. „Sie haben doch selbst zwei Kinder, wie sie erzählt haben. Das liegt sicherlich daran, dass ihre Frau schwanger geworden ist.“

Er erweckt nicht den Anschein, als ob er mir zuhören würde. Gedanklich ist er bereits dabei, dass ich zu Ende rede, damit er weiterreden kann.

„Mich nervt es einfach, dass man eine Person einarbeitet, die dann für ein zwei Jahre gute Arbeit leistet, um dann schwanger zu werden, um danach nicht mehr wiederzukommen. Dann kommt die Nächste, und das selbe Spiel beginnt von vorne.“

Mittlerweile ist es mir egal, ob es hier eine versteckte Kamera geben könnte oder nicht, denn ich genieße gerade den Film, in dem ich sitze. Jetzt nur noch eine Tüte Popcorn, Nachos mit Käsesauce und viel Jalapenos, eine Apfelschorle und mein Filmvergnügen wäre perfekt.

Während ich bereits in den Kinomodus übergewechselt bin, redet sich mein gegenüber gerade in Rage.

„Es ist wirklich unfassbar! Es kann doch nicht sein, dass jede meiner Assistentinnen einfach schwanger wird! Ob sie es glauben oder nicht, ich habe jetzt den Stuhl aus dem Büro geholt, indem sonst die Assistentinnen sitzen und habe die Anweisung gegeben, dass sich keine Frau in diesem Unternehmen auf diesen Stuhl setzen darf!“

„Aha“, werfe ich schnell ein.

„Jede Frau, die auf diesem Stuhl saß, ist schwanger geworden. Wirklich jede! Das ist doch gar nicht zu glauben! Es liegt an diesem Stuhl. Wer auf ihm sitzt, wird schwanger! Auf diesem Stuhl dürfen nur noch männliche Mitarbeiter sitzen!“

„Sie sollten ihn patentieren lassen!“ schiebe ich, seine kurze Atempause nutzend, in den Monolog ein.

„Wie bitte?“

„Den Stuhl. Sie sollten ihn patentieren lassen!“

Er schaut mit fragend an.

„Wissen Sie eigentlich, wie viel Frauen es gibt, die gerne schwanger werden würden und es nicht werden? Wenn Sie also der Ansicht sind, dass dieser Stuhl zur Schwangerschaft führt, wenn man auf ihm sitzt, dann sollten sie ihn patentieren lassen! Sie könnten vielen Frauen bzw. Familien helfen, den Wunsch nach einem Kind zu erfüllen. Kinder sind doch nun wirklich was sehr Schönes.“

Während ich stocknüchtern meinen Vorschlag ausführe, schaue ich in ein erstauntes Gesicht. Hatte mein Gegenüber nun wohl verstanden, dass dieses Vorstellungsgespräch nicht meiner Vorstellung von einem Bewerbungsgespräch entspricht? Ich bin mir nicht sicher.

Wenn meine Vorabrecherchen zu meinem Gesprächspartner stimmen, ist er nicht nur Geschäftsführer des Unternehmens, sondern auch Diplomat. Leider kann ich die Person, die gerade vor mit sitzt, nicht ernsthaft in auch nur einer der beiden Rollen sehen.

Mein beruflicher Lebenslauf spielt in diesem Gespräch überhaupt keine Rolle. Warum auch? Ich habe schließlich schöne, lange, schwarze Haare. Welchen Magisterabschluss brauche ich dann noch? Mein Gegenüber hält Monologe über diverse Themen, die allesamt gegen zahlreiche Paragrafen des Arbeitsgesetzes verstoßen. Ganz zu schweigen, vom Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzt, den der Arbeitgeber offensichtlich gut kennt, aber einfach ignoriert. Er hat schließlich gute Gründe dafür, warum er es tut.

Als ob das alles nicht reichen würde, schüttet er auch noch sein Herz bei mir über seine Sekretärin aus! Ich fühle mich gerade, wie eine ehrenamtliche Therapeutin, die keine andere Wahl hat, als dieses Gespräch komplett bis zum Ende zu führen, um erlöst zu werden.

Seine Sekretärin sei eine der „alten Schule“. Sie komme um neun Uhr morgens und mache pünktlich um siebzehn Uhr Feierabend.

Ich kann daran nichts Erwähnenswertes sehen.

Er jedoch schon, denn egal, wieviel Arbeit sie auf den Tisch bekommen würde, sie würde es immer bis zum Feierabend abarbeiten.

Was will man mehr, denke ich.

Außerdem sei ihr Schreibtisch immer picobello aufgeräumt, wenn sie in den Feierabend geht.

Na, das ist doch vorbildlich!

Das würde ihn wurmen!

Ich frage ihn, warum, und er erklärt mir, dass er schließlich auch teilweise bis 20 Uhr im Büro sei. Außerdem würde sein Schreibtisch aussehen, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte.

Ist das nicht sein Problem?

Warum den seine Sekretärin nicht Feierabend machen kann, wenn es eh Feierabend ist und sie keine weitere Aufgabe zu erledigen hat, frage ich ihn.

Na, weil er noch nicht fertig sei, antwortet er!

Ach so, das ist natürlich verständlich! Wie konnte ich auch so eine dumme Frage stellen.

Am liebsten sei ihm der IT Mitarbeiter. Der sei schon von Anfang an dabei. Er würde höchsten zehn Tage Urlaub im Jahr nehmen und den Rest immer verfallen lassen und das schon seit mehreren Jahren. Es gäbe auch schließlich sehr viel zu tun in dem Unternehmen und da sei es nur gut, dass er nicht so viel Urlaub nehme. Ich solle jetzt in mich gehen und mich fragen, ob ich an der attraktiven Stelle als Assistentin an seiner Seite interessiert sei. Ich möge mich doch bitte bei ihm melden.

Na endlich! Ich bin erlöst. Ich verabschiede mich höflich von meinem Gesprächspartner und suche das Weite.

Draußen auf der Straße schießt mir der eiserne Wind ins Gesicht. Das ist jetzt genau das, was ich brauche, damit ich dieses Gespräch aus meinem Gehirn wegpusten lassen kann. Ich atme tief ein und aus. Keine Ahnung was gerade schlimmer war, die Schmerzen, die ich trotz Schmerzmittel spüre oder dieses Gespräch.

Auf dem Weg ins Hotel bin ich dankbar. Dankbar darüber, dass mein Gesprächspartner so ehrlich war. Er hat mir etwas erspart. Selbstverständlich bin ich enttäuscht und auch etwas genervt, dass ich mir diese Strapaze antuen musste. Jedoch frage ich mich, warum ich die Zeichen, die mir mein Körper gesendet hat, nicht verstanden habe. Konnte ich sie nicht einordnen oder hatte ich sie aus der Euphorie heraus soweit ignoriert, dass ich sie nicht verstehen wollte?

© Serap Yıldırım / 2018

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  1. Oha was für eine Story! ja der Körper ist zuweilen weiser als der Verstand! Danke fürs Teilen dieser verrückten Geschichte! Man sagt ja häufig, Chefs wären leicht crazy, aber gleich so?:)))

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  2. Unglaublich! Das Leben schreibt Geschichten … Aber wie sagt man so schön? Wer nicht hören will, muss fühlen … Man sollte die Signale der Körper viel ernster nehmen, als man glaubt und oft dazu bereit ist. Dein anfängliches Unwohlsein und das komische Gefühl hatten sich doch bestätigt, aber es ist verständlich, dass man sich freut, wenn man (endlich!) zu einem Gespräch eingeladen wird, man möchte ja endlich etwas tun, nicht immer nur Bewerbungen schreiben.
    Das Lesen deiner Geschichte hat Spaß gemacht, obwohl ich weiß, für dich war das Erlebte sicher nicht so angenehm schon alleine wegen deinen Schmerzen. Hoffentlich ist es mit dem Rücken schon besser geworden; das wünsche ich dir!

    Liebe Grüße
    Annie H. / Herbststill-Blog

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    • Liebe Annie,
      herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Wer nicht hören will, muss fühlen trifft es hier wirklich sehr gut. 😉 Ich bin froh, dass er sich so verkauft hat, wie er wirklich ist, so dass man nicht später mit Überraschungen rechnen musste.
      Viele liebe Grüße
      Serap

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  3. Du liebe Güte! Also ich gratuliere Dir von Herzen für Deine Ruhe im Gespräch und zum positiven Fokus danach! Was für ein Garvone! Ich glaub, ich hätt ihm den Schreibtisch feministisch quer vors Fenster gestellt…aber ich bin auch eine andere Altersklasse und mein Spitzname ist häufig „Alice“- angelehnt an Alice Schwarzer in ihrer Position der Frauenbewegung. 😉 Der ist ja ein Dinosaurier und gehört ausgestellt , ins Museum für Abstrusitäten!
    Herzliche Grüße von einer starken Frau an eine starke Frau!
    SAM

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    • Danke Dir so sehr!
      Ja, der ‚gute Mann‘ ließ wirklich zu wünschen übrig. Bin mir nicht sicher, ob ich so ruhig war, weil ich zur anderen Generation gehöre. Vielleicht hast Du da wirklich recht. Würde aber sagen, dass ich durch meinen Sarkasmus, den er abbekommen hat, meinen Standpunkt freundlich aber bestimmt klarmachen konnte. 😉
      Nochmals danke für Deine starken Worte!
      Viele liebe Grüße zurück von einer starken Frau an eine starke Frau!
      Serap

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