Über die Hingabe und das Empfangen

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Es sind schon einige Jahre her. Meine Freunde haben Karten für ein Konzert und fragen, ob ich auch Interesse habe, an dem Abend mit ihnen dabei zu sein. Mir sagt weder die Band noch die Musikrichtung irgendetwas. Trotzdem kaufe ich eine Karte und schenke sie mir selbst zum Geburtstag. Vor dem Konzert betreibe ich bewusst keine Recherche, da ich mich von den musikalischen Klängen an dem Abend überraschen lassen möchte.

Am Konzertabend werde ich mit einer ca. siebenköpfigen Band in farbenfrohen, intarsienreichen Gewändern überrascht. Hier handelt es sich um eine Gruppe, die ihre Musik aus den indigenen südamerikanischen Wurzeln schöpft. Die ausschließlich männlichen Mitglieder, bilden ein farbenfrohes Potpourri auf der Bühne. Die Instrumente, die sie spielen, habe ich größtenteils noch nie gesehen in meinem Leben. Ich spüre, dass dies ein ereignisreicher Abend werden wird, nicht ahnend, was mich später noch erwartet.

Sobald die Musik anfängt zu spielen, werde ich in eine andere Welt entführt. Eine Welt aus kraftvollen Tönen, getragen von einer sagenhaften Leichtigkeit. Während die unterschiedlichen Perkussionsinstrumente eine Erdung, Verwurzelung und tiefe Verbundenheit vertonen, schwingt in den zahlreichen Flötenarten die Leichtigkeit der Luft, des weiten Himmels und eine sanfte Klarheit mit. Ich genieße diese neuen unbekannten Klänge so sehr, da eine Vertrautheit in ihnen schwingt, mit der ich mich verbinden kann.

Meine innere Stimme möchte, dass ich die Augen schließe. Ich ignoriere sie. Zu schön sind die Farben, die ich auf der Bühne sehe; zu schön die Bewegungen eines jeden einzelnen Musikers beim Spielen der Instrumente. Alles zieht mich gerade in einen Bann. Nur eine kurze Weile später erinnert mich meine innere Stimme nochmals, dass ich die Augen schließen soll. Diesmal gebe ich nach und schließe sie in der Welt, in der ich gerade in einem Konzertsaal sitze und öffne sie in meiner ganz persönlichen inneren.

In dieser Welt bin ich ein Gepard. Getragen von den schnellen und kraftvollen Rhythmen der Musik, renne ich auf flacher Landschaft mit einem quasi unendlichen Horizont. In der Millisekunde, in der meine Pfoten die Erde berühren, ziehe ich die Kraft der Mutter Natur in mich hinein, um daraus die Energie für den nächsten Schwung nach vorne zu schöpfen. Die Schnelligkeit verbreitet einerseits ein berauschendes Gefühl in mir, und andererseits fühle ich mich absolut fokussiert und kristallklar.

Immer noch im Einklang mit der Musik lege ich kraftvoll dynamisch eine sehr weite Strecke zurück, um dann getragen von einem Trommelschlag mit einem Schwung auf dem Rücken eines Elefanten zu landen, der ebenfalls rennt. Nicht in dem Tempo des Gepards und auch auf eine ganz eigene Art und Weise, aber immer noch in einer Kraft, die ihresgleichen sucht. Auf dem Rücken des ausgewachsenen Elefanten verwandle ich mich in ein kleineres Tier, an das ich mich nicht mehr erinnern kann. Das Gefühl jedoch, ist so präsent. Es ist, als Mutter Erde sich nicht nur selbst als unerschöpfliche Quelle der Kraft zur Verfügung stellt, sondern mir ein Krafttier als Unterstützung gesendet hat, um mich ein Stück meines Weges zu begleiten. Auf dem Rücken des Elefanten fühle ich die Sicherheit bei jedem einzelnen Schritt nach vorne. Durch die urweibliche Kraft, die vom Elefanten ausgeht, spüre ich die Freiheit, die mir durch das Getragenwerden geschenkt wird.

Von der Position auf dem Rücken des Elefanten sehe ich die Welt aus einer ganz anderen Perspektive. Die Landschaft um mich herum hat sich ebenfalls verändert. Hohe Hügel und Berge mit zahlreichen Gesteinsschichten passieren wir. Jede einzelne Gesteinsschicht mit einer einzigartigen erdigen Farbe. Entstanden vor Jahrtausenden, erzählt jede Schicht eine eigene Geschichte. Zusammengenommen bilden sie die Schönheit der Natur, die dieser Planet zu bieten hat.

Begleitet von der Musik reite ich weiter auf dem Rücken des Elefanten in völliger Selbstverständlichkeit auf einen Hang zu. Während die Perkussionsinstrumente, in der Welt im Konzertsaal, immer stärker an Tempo und Dynamik gewinnen, reitet mein Elefant in meiner inneren Welt immer schneller Richtung Hang. Die Kraftsteigerung in den Trommelschlägen lässt erahnen, dass es gleich zu einem fulminanten Höhepunkt kommen wird. Genau in diesem Moment choreographiert in meiner inneren Welt der Elefant am äußersten Zipfel des Hanges ein abruptes Bremsen, so dass ich mit einer geballten Kraft von seinem Rücken über den Hang katapultiert werde.

Für eine Sekunde gleite ich in atemberaubender Höhe über eine sagenhafte Landschaft, während in der realen Welt die Flöten nun mit sanften Klängen alle anderen Instrumente ablösen. In meiner inneren Welt habe ich mich indessen in einen Adler verwandelt. Die kraftvolle Luft die durch die Flöten fließen, animieren mich zu einem Aufstieg in noch weitere Höhen. Während ich wie auf sanften Flötentönen fliege, erblicke ich die Welt unter mir, die mir durch die gewonnene Höhe erneut einen weiteren Perspektivenwechsel ermöglicht. Von hier oben erscheint kein Berg zu hoch, kein Weg zu weit, kein Ziel unerreichbar. Dieser klare Blick eröffnet mir eine Tür, hinter der die Magie der unerschöpflichen Möglichkeiten liegt.

Nachdem ich diese neue Erkenntnis erlangt habe, begleitet meine innere Welt mich ganz behutsam und sanft mit meiner Aufmerksamkeit wieder in mein reales Umfeld zurück. Jetzt bin ich wieder voll und ganz im Konzertsaal. Meine Augen offen.

In der Pause tauschen sich meine Musikerfreunde intensiv über die Performance aus, während ich das Erlebte nachspüre. Irgendwann wendet sich einer von ihnen ganz zu mir und fragt mich nach meiner Meinung. Da ich nichts fachlich Relevantes zum Austausch beitragen kann, erzähle ich über mein Erlebnis während des Konzertes. Der Freund tritt einen Schritt näher an mich heran, beugt sich ein wenig zu mir und fragt mich ganz aufrichtig, ob ich vorher etwas eingeworfen oder geraucht hätte. Mein anderer Freund lacht auf und versichert, dass ich absolut „clean“ sei. Die Antwort stellt den Freund nicht zufrieden. Mit den unterschiedlichsten Fragen versucht er herauszufinden, welche Methode ich angewandt habe, um in diesem Zustand einzutreten. Ob ich regelmäßig meditiere, spirituelle Praktiken anwende, … Ich verneine alles. Das Einzige was ich gemacht hatte, war meiner inneren Stimme zu folgen.

Der Freund ist außer sich. Ob ich denn wüsste, seit vielen Jahren er schon versucht, in diesen Zustand zu treten. Ich müsse doch eine Technik haben. Er würde regelmäßig alleine und in der Gruppe meditieren. Es könne doch nicht sein, dass ich nur meine Augen geschlossen hätte. Da müsste es doch einen Trick geben, den ich angewandt habe.

Die Verwirrung und Enttäuschung des Freundes kann ich nachvollziehen. Leider habe ich nichts, was ich ihm an Technik mit an die Hand geben kann. Denn ich hatte nichts gemacht, als lediglich auf meine innere Stimme zu hören. Zugegeben, nicht beim ersten Mal, aber ich hatte relativ schnell nachgegeben. Vielleicht war genau dies der Schlüssel zum Erfolg, den der Freund so verzweifelt suchte. Auf die eigene Stimme zu hören, sich, sich selbst hinzugeben, um dann die Klarheit zu empfangen.

Wie sehr wünschte ich, dass ich jedes Mal, wenn ich meine Augen schließe, in so eine Welt eintauchen kann. Auf der anderen Seite frage ich mich, ob das wirklich notwendig ist. Sollte das einmalige Erlebnis nicht ausreichen, um zu demonstrieren, dass nichts unmöglich ist, wenn wir einfach nur unsere Perspektive wechseln?

© Serap Yıldırım / 2018

  1. Von Herzen Danke für das Teilen dieser tiefen und kraftvollen Erfahrung…! ich kenne solche „Seelenreisen“ aus Atemreisen…auch da wird Musik dazu verwendet gewissen Zustände zu erreichen, die Augen sind geschlossen und durch die intensive Atmung kommt man leichter in diesen Zustand….Dass es bei Dir „einfach so“ geschah zeigt, wie offen Du in diesem Moment warst für den Ruf Deiner Seele, die Dir auf dieser Reise so einiges an Krafttieren zur Seite gestellt hat….Was für eine Wunder-voller Seelen-Reise…

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    • Vielen Dank, für die schönen Worte, liebe Canan. Das was Du beschreibst, mit den Atemreisen, hört sich wirklich sehr interessant an. Vielleicht etwas, was ich vielleicht auch mal ausprobieren sollte. 😉 … Ja, das Losgelöst bzw. das mit sich Verbunden sein, ist sicherlich etwas, was uns Türen öffnen kann, zu solch prägenden und gleichzeitig wunderschönen Erfahrungen.

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