Geschenk an sich selbst

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Seitdem ich ein Stöpsel bin, tanze ich. Einfach so. Nicht, weil es mir von irgendjemandem beigebracht wurde. Nicht, weil irgendjemand in meiner Familie tanz. Seitdem ich denken kann, tanze ich einfach. Einfach so. Das Tanzen ist nichts, was ich in mein Leben integriert habe. Es war da, wie das tägliche Schlafen und Essen. Manchmal mehr, manchmal weniger. Aber immer konstant vorhanden.

Als Kind, Teenager, junge Frau … mich kennt man tanzend. Zugegeben komme ich auch aus einem Kulturkreis, dem nachgesagt wird, dass die Menschen sogar zum Quietschen einer Tür tanzen würden. Zu den gehöre ich tatsächlich. Freude, Trauer, Glück, Leid, … ich tanze. Tanzen ist eine ganz natürliche Reaktion meines Körpers, um vorhandene Kräfte zu stärken und Schwächen zu lindern.

Das ist mein Tanz.

Das war er zumindest … bis vor zwölf Jahren. Denn urplötzlich oder vielleicht auch schleichend, hörte ich auf zu tanzen. Einfach so! Die mehrjährigen Versuche, dies wieder in meinen Alltag einfließen zu lassen, scheiterten. Warum auch immer.

Nachdem mich innerhalb kürzester Zeit immer mehr Menschen fragten, warum ich mit dem Tanzen aufgehört hätte und ich keine Antwort parat hab‘, beschließe ich, meine Energie auf einen Neubeginn zu setzen. Schnell schreibe ich mich für einen Wochenend-Workshop ein und auch der mich noch plagende Hexenschuss kann mich nicht davon abhalten. Das klingt relativ entschlossen, oder nicht?

Im Kreise von Tanzliebhaberinnen starte ich mit Aufwärmübungen in das Tanzwochenende. Mein unterer Rücken schreit vor Schmerzen. Davon lasse ich mich nicht beirren. Die Grenzen meines Körpers kenne ich und überschreite sie auch nicht. Gleichzeitig weiß ich auch, dass die meisten Schreie mich nur vom Tanzen abhalten wollen. Keine Chance … Das war einmal!

Nach dem Aufwärmen geht es weiter mit einzelnen Übungen. Mein Körper startet sanft, zu den ehemals so vertrauten Rhythmen zu fließen. Schnell spüre ich aus dem schmerzlichen Widerstand heraus, wie sich einzelnen Muskeln aus der jahrelangen Starre befreien und langsam fein definierte Bewegungen kreieren. Getragen von den sanften Klängen und rhythmischen Tönen sprengt mein Körper langsam aber stetig die eiserne Rüstung, die mich bisher umhüllt.

Durch die feinen Risse, die sich bilden, bahnen sich aus meinem tiefsten Inneren wieder die Glücksgefühle an die Oberfläche, die mir im Zusammenhang mit dem Tanzen so vertraut sind. Wie sehr ich sie vermisst habe, wird mir bewusst, als ich sie im Hier und Jetzt spüre. Gleichzeitig bemerke ich auch, wie die kraftvolle Energie jeder einzelnen Tänzerin sich im Raum bündelt und mir ebenfalls eine mittragende Energie schenkt.

Ich bin glücklich!

Während ich mich beim Tanzen im großen Kreis auf meine eigene tänzerische Interpretation konzentrieren kann, verbinde ich mich beim Tanzen mit einer Partnerin auf eine ganz individuelle Art und Weise. Mal spiegeln sich unsere Bewegungen, mal tanzen wir umeinander her, mal tanzt jede für sich im harmonischen Zusammenspiel mit der anderen. In jeder einzelnen Tänzerin entdecke ich einen Teil von mir, das mich mit ihr für diesen Augenblick verbindet.

Völlig ausgepowert lege ich mich am Ende des ersten Tanztages ins Bett. Mein unterer Rücken hat sich zwischenzeitlich ein Megaphon besorgt, damit ich das Geschreie auch ja nicht überhören kann. Ich lege mich auf eine elektrische Heizdecke und rede meinem Rücken gut zu, bevor ich erschöpft in einen tiefen Schlaf falle.

Am nächsten Tag geht es weiter. Mein unterer Rücken schreit zwar immer noch, aber wesentlich zaghafter als am Abend bevor. Wir knüpfen beim Tanzen dort an, wo wir gestern aufgehört haben. Heute gibt es eine – wie ich finde – besondere Übung für uns: Jede Tänzerin schließt sich mit einer anderen zusammen und tanzt, während die andere zuschaut. Dabei geht es nicht darum, für die Partnerin zu tanzen, sondern um die eigene Präsenz, die wir uns selbst schenken … und somit auch der zuschauenden Tanzpartnerin, während die zuschauende Partnerin ihre eigene Präsenz spürt und sich diese ihr selbst und der tanzenden Partnerin schenkt.

Auf Wunsch meiner Tanzpartnerin starte ich als Erste mit dem Tanz. Während die Hälfte der Tänzerinnen nun sitzt, steht die andere Hälfte im Raum und bereitet sich innerlich auf das eigene Dasein und auf das persönliche Geschenk vor. Die Musik beginnt sanft und ich fühle mich ganz klar im Hier und Jetzt. Meine Arme erheben sich langsam während meine Hüften sich ganz gemächlich dem Rhythmus anpassen. Mein Körper schlängelt sich leicht und bereitet sich auf den rhythmischen Teil des Liedes vor, der gleich beginnen wird. Die ersten drei Darbukaschläge erklingen und meine Hüften reagieren sofort mit kraftvollen Schwüngen. Die nächsten drei Darbukaschläge und weitere kräftige Hüftschwünge, diesmal zur entgegengesetzten Seite. Das Lied gewinnt immer mehr an Dynamik und somit auch mein Körper. Arme, Hüften, Schultern, Brust, … alles kommt nach und nach und / oder parallel kraftvoll zum Einsatz. Danach geht das Lied wieder in einen sanft fließenden Modus über, auf das mein Körper sofort mit entsprechenden Bewegungen reagiert. Der mehrfache Wechsel von den schwunghaft kraftvollen und den sanft fließenden Tönen, die jede meiner Bewegungen beeinflussen, demonstriert mir, wieviel Kraft in der Sanftheit und wieviel Sanftheit in der Kraft stecken kann. Vor allem wird mir bewusst, dass der Übergang von der Kraft in die Sanftheit und von der Sanftheit in die Kraft fließend sein kann. Während des Stückes verbinde ich mich immer wieder mit meiner Tanzpartnerin durch Augenkontakt und zugewandtem Tanzen. Ein schöner Energieaustausch findet zwischen uns beiden statt. Ich fühle nicht nur meine, sondern auch ihre Präsenz und spüre wie die Geschenke gegenseitig angenommen werden. Eine wunderschöne Erfahrung.

Rollenwechsel. Nun ist meine Tanzpartnerin diejenige, die sich den Klängen der Musik hingibt. Schon ab der ersten Sekunde bemerke ich, dass meine Partnerin nicht tanzt, sie genießt! Ob sanft oder kraftvoll, sie scheint jeden Klang im Körper zu absorbieren und diesen in Bewegung umzuwandeln. Durch ihre strahlende Präsenz und das Geschenk was sie sich selber gibt, werde auch ich beschenkt. Egal ob sie die Augen geschlossen oder geöffnet hat, egal ob sie sich schnell oder langsam bewegt, sie ist präsent und tanz aus ihrer eigenen Mitte heraus. Es ist ein Genuss, ihr beim Genießen zuzuschauen.

Kann es etwas Schönes geben, als ganz sich selbst zu sein und dies als Geschenk an sich selbst und für andere zu präsentieren?

Nach jahrelanger Bewegungslosigkeit entschloss ich mich an einem achtstündigen Wochenendtanzworkshop teilzunehmen … und das mit einem Hexenschuss! Wie sehr muss der Drang nach den guten alten Zeiten in meinem Körper gewesen sein, der mich durch den Schmerz wieder in die tanzende Freude geführt hat?

Mein unterer Rücken schreit nach den zwei Tagen Tanz nicht mehr. Er meckert nur noch hin und wieder. Vor allem, wenn ich zu lange sitze! Ist das etwa eine Aufforderung zum Tanz?

 

***

Für alle die, die sich dafür interessieren, wo ich diese wunderbare Erfahrung erleben durfte: Tanzstudio Ala Nar. Bitte beachtet, dass dies kein gesponsoreter Link ist und ich keine Provision oder ähnliches erhalte. Ich teile diesen Link mit den Lesern aus purer Dankbarkeit an das Erlebte.

    • Danke, liebe Simone. „Kosmisch-unwohl-albern“ oder ähnlich fühlen sich viele Menschen beim Tanzen. Die Außenstehenden sehen das meistens anders 😉 … Vielen Dank, dass Du dir die Zeit zum Lesen für den Blogbeitrag genommen hast. Liebe Grüße, Serap

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  1. Liebe Serap, schön zu lesen wie Du zu einer Leidenschaft zurückkehren konntest. Wie nennt sich der Tanz, Ausdruckstanz vielleicht. Ich möchte auch gerne tanzen, aber mache es nur in meinen eigenen vier Wänden. Tanzkurse mit Schritten zählen oder so reizt mich nicht. Es müsste was freies, kreatives sein. Ich freu mich schon auf Deinen nächsten Text! Alles Liebe Yvonne

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    • Liebe Yvonne, vielen Dank! Ich tanze orientalischen Tanz. Habe mir aber bewusst eine Tanzschule / eine Tanzlehrerin gesucht, die nicht vorgefertigte Choreografien hat. Der orientalische Tanz ist ein sehr körperbetonter, sinnlicher und weiblicher Tanz. Einer, der geerdet, aber auch fließend ist. Schritte zählen und so weiter wäre auch nichts für einen Freigeist wie mich 🙂 … Hoffe, dass Du für Dich einen geeigneten Kurs findest. Probier‘ Dich aus. Du könntest ja eine Probestunde nehmen und schauen, ob das Tanzstudio, der/die Lehrer(in) und das Tanzumfeld etwas für Dich ist. Hauptsache, mal fängt einfach an … der Rest kommt dann von selbst. Vielen Dank für Deinen Kommentar. Ganz liebe Grüße, Serap 💞

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    • Liebe Beatrice,
      wie schön. Das freut mich so sehr, dass Du dich in dem Tanz wiedergefunden hast.
      Herzlichen Dank für Deine Zeit, die Du meiner Geschichte geschenkt hast und Dich drin wiederentdecken konntest.
      Viele Grüße von SH-Herz zu SH-Herz,
      Serap

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