Nie allein und immer verbunden

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Eine Nacht im Mai. Warm, weich und wohlig eingepackt in meinem Bett werde ich sanft rüttelnd geweckt.

„Wach auf und schau Dir den Mond an. Du musst beten.“

Es ist eine weiche, sanfte, männliche Stimme, die mir ins rechte Ohr spricht. Diese Stimme kenne ich bereits. Sie ist mir vertraut. Vor Jahren hat diese Stimme mich zu meiner ersten Rückführung geleitet. Aber das ist eine andere Geschichte.

„Wach auf und schau Dir den Mond an“, wiederholt die Stimme, denn ich reagiere kaum. Zu schön ist der Schlaf und ich will nicht rausgerissen werden.

„Wach auf. Schau Dir den Mond an.“ Die Stimme lässt nicht locker. Trotz Bestimmtheit ist sie immer noch sanft, wie eben ein Engel sein kann. „Du musst den Mond anschauen.“

Ok, ich drehe mich um und schaue Richtung Fenster. Wow! Es ist die Nacht vor Vollmond und im Moment ist der Mond so platziert, so dass er absolut zentriert im oberen Drittel meines Schlafzimmerfensters umgeben von eine paar Sternen strahlt.

„Jaa, das ist echt schön“, versichere ich der Stimme schlaftrunken und drehe mich wieder zur Seite und schließe die Augen. Viel zu süß ist gerade mein Schlaf und auch diese traumhafte Momentaufnahme kann mich nicht davon abhalten, mich diesem weiterhin hinzugeben.

„Wach auf. Du musst den Mond anschauen und beten.“ Die Stimme lässt nicht locker.

„Warum soll ich denn den Mond anbeten?“ frage ich die Stimme. „Ich bin doch kein Werwolf! Machen die nicht so was?“ plappere ich völlig sinnlos daher. Ich will doch einfach nur weiterschlafen!

„Du sollst nicht den Mond anbeten. Du sollst aufwachen, dir den Mond anschauen und dabei beten. Beeil Dich.“

„Aber warum soll ich den beten?“ frage ich, immer noch schlaftrunken, verwirrt und mittlerweile auch leicht genervt.

Die Stimme nennt mir den Namen eines Freundes, der auf einem anderen Kontinent lebt. Für ihn soll dieses Gebet sein. Es sei dringend!

Na gut, denke ich. Wenn es sein muss! Ich drehe mich auf den Rücken, so dass ich Richtung Schlafzimmerfenster blicken kann. Noch immer strahlt mich der Fast-Vollmond, wie aus einem Bilderbuch an. Ich bete. Die zwei Gebete, die mir meine Mutter als Kind beigebracht hat. Mehr Gebete kenne ich nicht.

Zugegebenermaßen bete ich auch gar nicht. Ich rattere die Wörter zweier Gebete herunter, damit ich mich wieder dem Schlafen widmen kann.

„Ok, ich habe gebetet“, versichere ich der Stimme und drehe mich wieder um und schließe die Augen. Zeit zum Weiterschlafen.

Die Stimme aber lässt sich nicht beirren: „Nein, Du musst richtig beten, aus der Tiefe Deines Herzens. Beeil Dich.“

Auf einmal bin ich hellwach!

Beten aus der Tiefe meines Herzens?

Aus der Tiefe meines Herzens war mein Gebet nicht! Es war nicht einmal halbherzig! Es war auch kein Gebet! Einfach nur gesprochene Worte, dabei schien es hier im etwas Essenzielles zu gehen.

Ich richte mich auf, setze mich aufrecht in meinem Bett hin, schaue Richtung Mond und fange an zu beten. Diesmal bete ich aus der Tiefe meines Herzens. Die zwei Gebete, die ich kenne. Jeweils zwei Mal. Dann bete ich, dass sich das Herz meines Freundes mit Liebe füllen möge. Da ich nicht sicher bin, für welche Situation ich gerade bete, scheint mir dies das Passendste zu sein. Betend schaue ich den Mond an und spüre diese unglaubliche Magie, die von ihm ausgeht. Ein Gefühl lässt mich erspüren, dass die Energie des Mondes mein Gebet genau zu der Person tragen wird, die diesen Augenblick der Verbundenheit dringend zu brauchen scheint.

Es vergehen höchstens zwei bis drei Minuten. Nicht die Länge, aber die Intensität dieses unvergesslichen Augenblicks hallen in mir nach, während sich eine Wolkendecke vor den Mond schiebt, so dass bis zum Sonnenaufgang, der erst in knapp zwei Stunden ist, der Mond nicht mehr zu sehen ist. Vielleicht wollte die Stimme, dass ich mich deshalb beeile. Es standen mir nur wenige Minuten zu, um in der Energie des Mondes mein Gebet für einen Freund zu sprechen.

Zum Abschuss beauftragt mich die Stimme, diesem Freund mitzuteilen, dass die Schönheit, die er sucht, in seinem eigenen Herz zu finden ist.

Still sitze ich noch lange in meinem Bett. Dieses Erlebnis berührt mich zutiefst und versichert mir, dass ich mit den Menschen (auch wenn sie auf einem ganz anderen Kontinent leben) und der Natur wesentlich verbundener bin, als ich es bisher spüren konnte. Zudem fühle ich, dass kein Mensch eigentlich alleine ist. Wir sind immer miteinander verbunden, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen.

 

 

  1. Pingback: Seine Tränen über mein Gesicht « MyNewPerspective

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