Wenn Mut und Angst eine Freundschaft beginnen

Kreativ zu sein, liegt bei uns in der Familie. Doch dies öffentlich zur Schau stellen kommt selbstverständlich nicht in Frage. Warum auch? So etwas tut man nicht! Wir leben einfach danach, ohne es zu hinterfragen. Oftmals ist unsere Kreativität sicherlich auch nicht wirklich gut genug, um sie mit der breiten Öffentlichkeit zu teilen.

Und was tue ich? Ich beginne einen Blog und verbreite Geschichten, die von Personen gelesen werden können, die ich nicht einmal kenne!!! Unfassbar, oder? Gegen jahrzehntelange Gewohnheiten anzutreten erfordert Mut! Den fasse ich. Es ist der Schritt, den mir nicht mehr dienlichen Dingen in meinem Leben ein Ende zu setzen und Raum für etwas Neues zu schaffen!

Et voilà!

Mein Mut wird belohnt. Meine Geschichten werden gelesen und viele positive Rückmeldungen geben mir den Antrieb weiterzumachen. Anscheinen habe ich den richtigen Weg eingeschlagen. Das Geschriebene berührt die Herzen der Leser. Was will ich mehr? Ich bin überwältigt von den beflügelnden Gefühlen, ausgelöst durch die wunderbaren Resonanzen. Ich bin so glücklich! Das es so einfach und gleichzeitig so schön sein kann!

Aber was wäre mein Leben ohne Gewohnheiten, die sich absolut heimisch bei mir fühlen und gar nicht erst den Gedanken daran verschwenden, Raum für neue Gewohnheiten freizugeben? Mut gefasst, Blog gestartet, gutes Feedback und alles läuft super? Na, dann änder‘ ich das doch mal ganz schnell und sabotiere mich mit einem wunderbar hausgemachten Widerstand!

Et voilà! Aber diesmal vom Allerfeinsten!!!

Am Morgen werde ich fürsorglich von einer Panikattacke geweckt! Vielleicht habe ich von meinem Blog geträumt, aber sicher bin ich mir nicht. „Was, wenn sich keiner mehr für meine Geschichten interessieren wird?“, ist einer meiner ersten Gedanken.

Na, Gratulation! Da ist er … mein ganz persönlich fabrizierter Widerstand! Auf mich ist in dieser Hinsicht wirklich immer verlass! Es ist doch beruhigend, wenn alles wie am Schnürchen läuft, oder?!

„Jetzt wird es spanneeeeeeeend …“, freut sich mein Sarkasmus-Ich.

Noch im Bett liegend, fällt mir das Atmen schwer. Die Panik breitet sich immer weiter aus. Meine Gedanken kreisen. Sie ist wieder da, die Schwere. Diese Lähmung, die mich seit Tagen, Wochen, Monaten … ach, wem mache ich was vor, schließlich sind wir unter uns: seit Jahren (!) immer wieder in den Stillstandmodus versetzt. Irgendwie nervt es mich, aber es ist gewohnt, also geht es leichter von der Hand als alles andere.

Ich bekomme immer weniger Luft, versuche mich langsam im Bett aufzurichten, verlassen kann ich es jedoch nicht. Angelehnt an das Betthaupt versucht mein Überlebensmodus eine gleichmäßige und ruhigere Atmung herbeizuführen.

„Ach, was soll den der Scheiß!?!“, schreit eine genervte Stimme recht laut. „Du bist echt eine Spaßbremse!“ Es ist mein Mut-Ich.

„Bin ich nicht! Ich habe berechtigte Sorgen!“, schmollt zurück mein Angst-Ich.

Hallo? Was passiert hier gerade?

„Also bitte, ich stecke gerade mitten in einer Panikattacke. Könntet Ihr gefälligst ruhig sein?“, meldet sich mein Verstand-Ich.

„Ich habe keinen Bock mehr auf diese Attacken! Sie gehen mir auf den Keks und ruinieren alles!“, mault mein Mut-Ich.

„Wie bitte? Ich ruiniere gar nichts!“, protestiert mein Angst-Ich.

„Ach, was Du nicht sagts …“, wirft ein mein Sarkasmus-Ich.

„Natürlich ruinierst Du alles!“, mault weiter mein Mut-Ich. „Immer, wenn etwas Tolles passiert, meinst Du es platttreten zu müssen!“

„Das ist überhaupt nicht wahr! Ich beschütze uns!“, verteidigt sich mein Angst-Ich.

„Uns? Wer zum Himmels willen ist UNS? Beschütz dich gefälligst selber und sabotier‘ mich nicht!“, brüllt mein Mut-Ich.

„Jetzt wird es spanneeeeeeeend …“, freut sich mein Sarkasmus-Ich.

„Na, ein Langweiler bist Du schon“, wirft in einem ernsten Ton ein mein Verstand-Ich.

„Du bist ein Angsthase und die enden bekanntlicherweise als Sonntagsbraten!“, tobt mein Mut-Ich.

„Ich bin kein Hase, sondern nur die Angst! Und ich habe eine ganz wichtige Aufgabe!“, verteidigt sich mein Angst-Ich.

„Eine wichtige. KEINE WICHTIGERE als meine!!!“, schimpft mein Mut-Ich.

„Wohl wahr, wohl war …“, bestätigt mein Verstand-Ich.

„Schaut mal! Es scheint seit Tagen endlich mal die Sonne!“, freut sich mein Inneres-Kind-Ich.

„Du meine Güte, wie viele Ich’s stecken eigentlich in mir?“, fragt sich mein Gesamt-Ich.

„Immer drängelst Du dich in den Vordergrund und machst meine Aufgabe zunichte … !“, beschwert sich mein Mut-Ich.

„Jaaaaaah, Schuldzuweisungen bringen uns jetzt sicherlich weiter!“, unterbricht mein Sarkasmus-Ich.

„Jetzt seit doch alle mal etwas ruhiger!“, bittet mein Vernunft-Ich.

„Was machen wir dann mit dem Sabotage-Ich?“, fragt mein Verstand-Ich.

„Du bist auf mich angewiesen! Denn ohne mich, würde es Dich gar nicht geben!“, protestiert mein Angst-Ich.

„Hah, das nenne ich ins Schwarze treffen“, meldet sich mein Klugscheißer-Ich.

„Ja, ich brauche Dich, damit ich existieren kann …“, bestätigt mein Mut-Ich.

„Sag ich doch!“, triumphiert mein Angst-Ich.

„ … aber, was ich nicht gebrauchen kann ist Deine innige Beziehung zur Sabotage!“, kritisiert mein Mut-Ich.

„Was habe ich denn jetzt mit der Geschichte zu tun?“, wundert sich mein Sabotage-Ich.

„Verleugnung ist wohl die beste Verteidigung, hm?“, wirft ein mein Sarkasmus-Ich.

„Nee, es heißt ‚Angriff ist die beste Verteidigung‘“, plappert mein Klugscheißer-Ich.

„Aber, wenn die Sabotage nicht wäre, dann wäre ich ja ganz allein“, spricht verängstigt mein Angst-Ich.

„Ich bin doch da“, ermutigt mein Mut-Ich.

„Aber Du machst immer Sachen, die beängstigend sind“, spricht mein Angst-Ich.

„Wann habe ich denn etwas gemacht, was ich nicht verantworten konnte?“, fragt mein Mut-Ich.

„Bisher kam das nicht vor“, erinnert sich mein Angst-Ich.

„Na eben!!“, mischt sich ein mein Verstand-Ich.

„Das wird auch in Zukunft so sein, denn Du wirst mir als Freund zur Seite stehen“, versichert mein Mut-Ich.

„Was machen wir dann mit dem Sabotage-Ich?“, fragt mein Verstand-Ich.

„Schicken wir ins Nirvana!“, bestimmt mein Vernunft-Ich.

„Können wir jetzt wieder eine Geschichte schreiben?“, schlägt vor mein Inneres-Kind-Ich.

„Gute Idee!“, freut sich mein Mut-Ich.

„Worüber?“, fragt besorgt mein Angst-Ich.

„Na, über uns beide“, erwidert mein Mut-Ich.

„Warum das denn?“, wundert sich mein Angst-Ich.

„Um anderen davon zu erzählen, dass wir Freunde geworden sind“, antwortet mein Mut-Ich.

„Mich beängstigt der Gedanke, dass Du über so etwas Persönliches schreibst“, entgegnet mein Angst-Ich.

„Genau deshalb sollte die Geschichte geschrieben werden, denn ohne Dich hätte ich nie den Mut fassen können“, freut sich mein Mut-Ich.

„Na gut“, stimmt widerwillig ein mein Angst-Ich.

„Jaaaa, wir schreiben wieder eine Geschichte“, quietscht vor Glück mein Inneres-Kind-Ich.

Bye-bye, Sabotage-Ich!

© Serap Yildirim / 2017

 

Beitragsbild: Photo by Artem Beliaikin on Unsplash

2 Comments

  1. Canan Uzerli

    Danke für Deine Offenheit Deinen inneren Dialog zu teilen! So hilfreich, denn wer kennt das nicht, wenn man die Komfortzone verlassen möchte…und diesen Dialog aufgeschrieben zu lesen hat so was humoriges, leichtes, witziges, tut gut!…vielen Dank dafür!!:-)

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    1. mynewperspectivesite

      Vielen Dank für Deine schönen Worte. Wenn wir unser Leben mit etwas mehr Humor leben können, dann ist vieles vielleicht auch wesentlich angenehmer. Wir sind es letztendlich, die allem einen Wert zuschreiben. Warum nicht auch mal den schönen Dingen? 🙂 Danke Dir von ganzem Herzen.

      Gefällt mir

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