Einfach mal zuhören

Geschichte von mir vorlesen lassen? Dann bitte Play-Button drücken.

 

Ein Samstagmorgen. Es ist noch recht früh. Ich sitze im Zug und fahre zur Arbeit. Der Wagen der Regionalbahn, in dem ich Platz genommen habe ist leer. An einer der zahlreichen Stationen, die ich noch vor mir habe, steigt ein Mann ein. Er setzt sich mir schräg gegenüber, als ob es keinen anderen Platz im sonst komplett leeren Wagen geben würde.

Ich fühle mich unwohl. Was, wenn der mich jetzt belästigt und keiner mir helfen kann?

Soweit es geht versuche ich den Mann zu ignorieren. Langsam erreicht mich auch die Bierwolke, die ihn umgibt.

Ich fühle mich immer unwohler. Vor allem als er direkt mir gegenüber Platz nimmt und mich anschaut.

Selbstverständlich ignoriere ich ihn weiterhin und schaue krampfhaft aus dem Fenster. In mir steigt die Angst, die ich empfinde, immer weiter auf. In meinem Kopf sind Fluchtpläne in Arbeit. Bis zum nächsten Halt scheint es aber noch eine Ewigkeit zu dauern.

„Guten Morgen.“

Oh Gott. Jetzt redet er auch noch mit mir. Seine Stimme ist laut und kräftig, also kann ich nicht mal so tun, als ob ich es überhört hätte.

„Guten Morgen“ erwidere ich widerwillig, kühl und selbstverständlich desinteressiert, um damit meine Angst zu verbergen.

Ich bin gerade Anfang 20. Er um die 50. Ich klein und zierlich, er für mich groß und furchterregend. Komplett in schwarz gekleidet, erinnert er mich mit seinen langen ungewaschen Haaren, die unter seinem Hut herabhängen, an Udo Lindenberg.

Seine Bierfahne strömt immer mehr in meine Richtung.

Er schweigt und zieht einen seiner Altsilberringe mit einem großen Onyx von seinem linken Zeigefinger und will ihn mir überreichen.

Wann, verdammt nochmal, sind wird am nächsten Halt?

Er beginnt zu reden. Ich tue als ob ich zuhören würde. Doch das kann ich gar nicht. Denn ich habe Angst. Also lasse ich seinen Monolog über mich ergehen ohne die gesprochenen Wörter wahrnehmen zu können. Wir passieren mehrere Stationen. Er erzählt weiter. Ich tue immer noch so, als ob ich zuhören würde. Immer noch habe ich Angst und bin damit beschäftigt, sie zu verbergen. Er redet weiter und trotz mehrerer Fluchtpläne kann ich mich nicht von Fleck bewegen.

Als der nächste Halt – mein Fahrziel!!! – angesagt wird, spreche ich zum ersten Mal nach dem ‚Guten Morgen‘.

„Ich muss gleich aussteigen!“ unterbreche ich erleichtert seinen Redefluss.

Er schweigt und zieht einen seiner Altsilberringe mit einem großen Onyx von seinem linken Zeigefinger und will ihn mir überreichen.

„Für mich?“ frage ich erstaunt.

„Ja!“

„Warum?“

„Als Dank!“

„Wofür?“

„Weil Du mir zu gehört hast!“ Nimm ihn, damit Du dich an mich erinnern kannst!“

Meine Angst schwindet in diesem Moment. Mein Körper fühlt sich auf einmal leicht an. Keine Fluchtpläne mehr in meinem Kopf. Auf einmal habe ich es nicht mehr so eilig, aus dem Zug zu kommen.

„Andere wären schon längst aufgestanden und weggegangen oder hätten mich blöd angemacht. Aber Du hast mir zugehört. Mir hört nie jemand zu.“

Auch ich hatte nicht zugehört. Aus Angst. Aus Panik, dass er mir etwas tuen könnte. Jetzt aber höre ich ihm zu, zum ersten Mal. Seine Worte berühren mich. Während ich dem Mann böse Absichten unterstellt hatte und mit meiner eigenen Angst beschäftigt war, hatte er ein ganz anderes Bedürfnis.

„Ich finde, dass Sie den Ring behalten sollten.“

Er schaut mich etwas enttäuscht an, doch ich will ihn nicht enttäuschen.

„Sie sollten den Ring behalten“ setze ich erneut an „damit Sie sich an diesen Moment erinnern können und zwar jedes Mal, wenn Sie das Gefühl bekommen, dass Ihnen keiner zuhört.“

Während ich aufstehe, steckt er seinen Ring wieder an seinen Finger.

„Ja, ja, das werde ich machen. Ich werde daran denken, jedes Mal, wenn ich den Ring sehe.“

„Das ist schön. Auf Wiedersehen!“

„Auf Widersehen!“

Es ist über eine Dekade her, dass diese Geschichte passiert ist. Ob er sich je an unser Zusammentreffen erinnert hat, wenn er den Ring sah, kann ich nicht sagen, aber zweifelsohne habe ich ihn – auch nach so langer Zeit – nicht vergessen.

Sind es nicht die kleinen Dinge im Leben, die uns wertgeschätzt fühlen lassen, bzw. mit der wir Wertschätzung entgegenbringen können?

© Serap Yildirim / 2017

 

Beitragsbild: Photo by Matthew Henry on Unsplash
Sound für Audio: http://www.orangefreesounds.com/train-sound-inside/

 

 

 

 

 

6 Comments

  1. Jasmin Stöppler

    Wow…Während ich das gelesen habe, konnte ich richtig mitfühlen. Was für eine wundersame Begegnung. Und wie schön….Danke für das Teilen …und Du kannst sehr schön schreiben, es war wie eine gute Kurzgeschichte:) Danke ❤

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspectivesite

      Vielen ❤-lichen Dank, liebe Jasmin. Es freut mich, dass dir die Geschichte so gefallen hat. Eine Begegnung, die ich nicht vergessen habe und vergessen werde. Sie gewinnt immer mehr und mehr an Bedeutung in meinem Leben. … Danke für diese schöne Rückmeldung.

      Gefällt mir

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