Ein kostbares Geschenk

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Ein wunderschöner Apriltag. Die Sonne scheint, der Himmel ist klar. Es sind fast 28 Grad Celsius und wo immer die Sonne die Gelegenheit findet, auf die Haut zu treffen, es fühlt sich einfach himmlisch gut an.

Ich warte am Busbahnhof auf meine Freundin, die mich abholen will und sich wie gewöhnlich verspätet. Für einen ganz kurzen Moment schließe ich die Augen und versuche auszublenden, dass ich von an- und abfahrenden Bussen umringt bin. Trotz der störenden Geräuschkulisse lasse ich in mir und unmittelbar um mich herum ein wunderbares Gefühl aufkommen, die eine Allianz mit dem Bilderbuchwetter bildet.

Als ich meine Augen wieder öffne, treffen sie sich für einen Bruchteil von einer Sekunde mit denen eines vorbeifahrenden Radfahrers. Es ist ein flüchtiger Blick beiderseits. Er und ich wenden unsere Blicke fast gleichzeitig voneinander ab, aber aus dem Blickwinkel nehme ich wahr, wie er seinen Blick – wie von einem Schlag getroffen – wieder in meine Richtung wendet.

„Woaaaaah“ höre ich laut und während ich nun in seine Richtung blicke, strauchelt er auf seinem Fahrrad, versucht noch die Balance zu halten, verliert sie, fällt beinahe hin und schafft es nur knapp, bevor sein linkes Knie den harten Asphalt trifft, zum Stehen zu kommen.

„Geht es Ihnen gut?“ frage ich besorgt.

„Ja“, erwidert er „ich wäre beinahe hingefallen.“

„Das konnte ich sehen. Aber Ihnen scheint es gut zu gehen. Sie haben sich glücklicherweise nicht verletzt.“

„Nein. Ich wäre nur beinahe hingefallen“, wiederholt er. „Weil, weil ich Sie gesehen habe …“

Irgendwas passiert hier gerade. Irgendetwas undefinierbares. Etwas Ungewohntes.

Ich werde ganz verlegen.

„Es tut mir wirklich sehr leid, dass ich Ihnen Grund zu einem Unfall gegeben habe. Sie hätten sich ernsthaft verletzen können …“

„Nein, nein. So meinte ich es gar nicht“, unterbricht er mich. „Ich meine, ich wollte sie nicht beschuldigen.“ Er ringt nach Worten und sein Gesichtsausdruck verrät, dass er momentan durcheinander zu sein scheint und seine Gedanken kreuz und quer schießen.

„Natürlich. Selbstverständlich nicht. So habe ich es auch gar nicht aufgefasst oder gar gemeint. Das kann ich Ihnen ganz fest versichern.“ Ich versuche ihn mit meinen Worten zu beruhigen und während der gesamten Zeit schaut er mich an, als ob er einen Alien vor sich stehen hat.

„Sie tragen ein sehr schönes Kleid“, schießt es urplötzlich aus seinem Mund.

Ich schaue an mir selbst herunter, denn ich muss erst einmal sehen, welches Kleid ich momentan trage. „Danke“, erwidere ich verlegen. Die Situation hat mich mitgenommen. Irgendwas passiert hier gerade. Irgendetwas undefinierbares. Etwas Ungewohntes.

„Sie, … sie sind hübsch“, schießt es wieder ganz plötzlich aus seinem Mund.

Meine Verlegenheit steigt.

„Vielen Dank. Wirklich sehr freundlich von Ihnen.“

„Ich … ich meine, Sie besitzen eine natürliche Schönheit.“

Seine Worte scheinen unkontrolliert aus seinem Munde zu schießen, denn nach jedem Gesagten schaut er so, als ob er selber nicht glauben kann, was er gerade von sich gibt.

„Vielen Dank! In dieser Form habe ich noch nie ein Kompliment bekommen.“

Es herrscht für einen Moment Stille zwischen uns.

„Wohnen Sie hier?“ unterbricht er die Stille.

„Nein. Ich bin aus der Nachbarstadt. Bin gerade mit dem Bus angekommen und warte auf meine Freundin. Sie hätte schon längst hier sein müssen, um mich abzuholen, ist aber wie immer spät dran.“

„Ich bin mit dem Fahrrad unterwegs.“

„Das sehe ich. Ich fahre auch gerne mit dem Fahrrad. Auch längere Strecken. Jedoch habe ich heute mal darauf verzichtet, weil ich knapp zwei Stunden für eine Strecke gebraucht hätte. Das war mir dann doch etwas zu viel.“

„Wie lange brauchte der Bus?“

„Auch zwei Stunden“, erwidere ich schmunzelnd, „aber er ist klimatisiert. Da kann mein Fahrrad nicht mithalten.“

„Das ist eine lange Fahrt.“

„Sie wirkt kürzer, wenn man liest. So habe ich die Zeit verbracht.“

„Sie lesen gerne?“

„Ja, sehr gerne!“

„Ich auch! Was haben Sie denn gelesen, wenn ich fragen darf?“

„Sie dürfen. Ein Buch von Don Miguel Ruiz. Die Vier …“

„… Versprechen?“ Seine Augen fangen an zu leuchten.

„Ja, genau! Die Vier Versprechen. Ein tolles Buch!“

„Auf jeden Fall. Sehr inspirierend.“

„Das ist es in der Tat“, erwidere ich. „Ich bin noch relativ am Anfang, aber was ich bisher gelesen habe, gefällt mir wirklich sehr.“

„Wir haben eine Gemeinsamkeit. Wir beide lesen gerne.“

„Ich kann Ihnen gar nichts bieten!“

Von dem Leuchten in seinen Augen ist keine Spur mehr zu sehen. Auf einmal wirkt er sehr nachdenklich.

„Wir haben sogar zwei“, strahle ich zurück. „Wir beide lieben es Fahrrad zu fahren und zu lesen.“

Für einen kurzen Moment herrscht wieder Stille zwischen uns beiden.

„Ich kann Ihnen gar nichts bieten!“ schießt es unkontrolliert aus seinem Munde heraus.

Ich bin verwirrt, denn ich weiß nicht, was ich mit der Aussage anfangen soll.

„Wie meinen Sie das?“, frage ich höflich.

„Ich meine, ich könnte Sie nicht einmal zum Kaffee einladen, damit wir uns unterhalten können.“

„Ach, das ist doch gar nicht so schlimm“, ich lache sanft. „Ich bin eh eine Teetrinkerin.“

Ich lächle ihn an und versuche die Verlegenheit zu durchbrechen.

„Tee?“, seine Augen leuchten wieder. „Sie trinken gerne Tee? Welche Sorte? Etwa grünen Tee?

„Ja! Ganz genau! Grün! Am liebsten Jasmin Tee.“

Seine Augen leuchten wieder. Sie weiten sich, als ob er gerade ein Weihnachtsgeschenk bekommen hätte. Ein Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus.

„Ich trinke auch gerne grünen Tee und vor allem Jasmin Tee. Das ist wirklich mein Liebligstee. Wirklich.“

„Tatsächlich?“, frage ich erstaunt. „Na, dann haben wir noch eine weitere Gemeinsamkeit.“

Es herrscht wieder Stille. Sein Gesichtsausdruck wechselt wieder in den Nachdenkmodus.

„Ich kann Ihnen aber wirklich nichts bieten.“

Nochmals Stille zwischen uns beiden.

„Momentan übernachte ich am Stand.“ Mit dem Kopf deutet er Richtung Westen.

„Etwa an dem wunderbaren Sandstrand dort drüben?“ In meiner Stimme klingt eine Begeisterung, als ob ich gefragt hätte: Wie? Sie wohnen in der traumhaften Villa am Strand?

„Sie Glückspilz!“, plappere ich enthusiastisch weiter. „Der Strand ist fantastisch! Der Sand ist superfein und auch noch sehr warm am Abend bis in die tiefe Nacht hinein! …“

„Ja, Sie haben recht. Das ist er wirklich!“ erwidert er erstaunt.

„… und seit vier Nächten ist der Himmel so klar, dass man das Gefühl hat, jeden einzelnen Stern am Himmel sehen zu können …“

Er blickt mich erstaunt an.

„… Ein Bett aus sonnengelbem feinen Sand und eine Sternendecke, die Sie nachts über sich ziehen können. Viele Menschen wären dankbar, wenn Sie dies erleben könnten!“

Ich stehe ihm lächelnd gegenüber. Immer noch wie die Immobilienmaklerin, die ihm den öffentlichen Strand als Luxusvilla verkaufen will.

Wie bitte? Was rede ich denn da? Ich komme mir vor wie eine Immobilienmaklerin, die einem die Obdachlosigkeit für viel Geld andrehen will. Während mein Kopf über meine eigenen Worte erstaunt ist, fühlt es sich in meinem Herzen sehr stimmig an.

„So wie Sie es beschreiben, klingt es gar nicht so schlimm, wie ich es bisher empfunden habe“, erwidert er mit erstauntem Gesichtsausdruck. „Sie haben tatsächlich recht. Die letzten vier Nächte waren wirklich sehr klar.“

„Wunderbar, nicht wahr?“ Ich bin so entzückt und was aus mir spricht ist mein Herz und definitiv nicht mein Verstand.

„Ich bin auch nur noch bis Morgen am Strand. Ab übermorgen habe ich eine feste Unterkunft.“

„Tatsächlich? Das ist ja wunderbar! Dann sollten Sie aber die nächsten beiden Nächte noch in vollen Zügen genießen. Dies scheint eine ganz besondere Zeit in Ihrem Leben zu sein. Machen Sie das Beste daraus und danken Sie für diese Erfahrung.“

Er schaut mich weiterhin erstaunt an. Will etwas sagen. Zögert. Überlegt. Seine Verwirrtheit ist deutlich sichtbar in seinem Gesicht zu sehen. Ich stehe ihm lächelnd gegenüber. Immer noch wie die Immobilienmaklerin, die ihm den öffentlichen Strand als Luxusvilla verkaufen will.

„Sind Sie ein Engel?“

Das ist also die Frage, die ihn die letzten Minuten beschäftigt. Nein, ich bin weiß Gott kein Engel. Ich lache auf: „Wer ICH? Herr im Himmel! Glauben Sie mir, ich bin wirklich kein Engel.“

„Alles was Sie gesagt haben, klingt so himmlisch!“

„Verstehe. Aber ich bin kein Engel. Ich habe das gesagt, was mein Herz in diesem Moment wirklich gefühlt hat. Vielleicht ist dies etwas Himmlisches. Auf sein eigenes Herz zu hören, meine ich.“

„Ja, das kann sein.“ Sein Gesicht zeigt leichte Züge von Glück. „Danke. Das war wirklich sehr schön, was Sie gesagt haben. So positiv. Eine ganz andere Sichtweise.“

„Gern geschehen. Es kam aus meinem Herzen.“

„Wie schade, dass ich Ihnen gar nichts zu bieten habe.“ Wieder sehe ich diese Verlorenheit in seinem Gesicht.

„Aber Sie haben mir doch etwas geboten und zwar etwas ganz Kostbares!“

Er blickt wie ein kleines Kind fragend in meine Augen.

„Ja, wirklich? Was genau habe ich Ihnen denn geboten?“

„Na, ihre Zeit. Die ist doch kostbar! Erinnern Sie sich? Sie wären beinahe wegen mir hingefallen. Dann haben Sie angehalten und haben mir Ihre kostbare Zeit geschenkt und sich mit mir unterhalten. Wir haben sogar einige Gemeinsamkeiten entdeckt. Ich danke Ihnen sehr für die Zeit, die ich mit Ihnen verbringen durfte. Das weiß ich sehr zu schätzen und ich werde mich noch lange an Sie erinnern. Danke sehr!“

Ich strecke ihm meine Hand entgegen. Er reibt seine Handfläche an seiner dreckigen Jeans ab, scheint sich jedoch nicht sicher zu sein, ob sie sauber genug ist, um sie mir zu reichen. Er sieht, dass ich nicht ablassen werde, bevor ich nicht seine Hand geschüttelt habe. Als er sie mir gibt, schauen wir uns tief in die Augen.

„Vielen Dank! Es war mir eine besondere Freude, Sie kennenlernen zu dürfen.“

„Auch mir war es eine Freude, Sie kennenlernen zu dürfen.“

„Alles Gute.“

„Alles Gute.“

Wir wenden uns fast gleichzeitig voneinander ab. Meine Freundin erscheint in genau diesem Augenblick und der Mann ist bereits auf sein Fahrrad gestiegen und fährt in die entgegengesetzte Richtung.

„Hat der Dich etwa belästigt?“ fragt mich meine Freundin besorgt, sobald ich die Beifahrertür öffne.

„Nein. Wir haben uns unterhalten!“

„Was hast Du denn mit dem zu Reden gehabt?“ Sie wirkt etwas angeekelt. Während meine Freundin damit beschäftigt ist, sich in den fließenden Verkehr einzureihen, spricht mein Herz: „Ich habe gerade ein sehr kostbares Geschenk bekommen. Er hat mir seine Zeit geschenkt!“

„Was ist passiert?“, fragt meine Freundin, die momentan geistig nicht bei mir zu sein scheint.

„Ach nichts. Achte liebe auf den Verkehr“, erwidere ich leise.

Wir fahren mit dem neuen Auto meiner Freundin in ihr millionenschweres Haus.

Das Leben bietet uns viele Kontraste, solange wir die Gemeinsamkeiten nicht sehen können.

© Serap Yildirim / 2017

 

 

Beitragsbild: Photo by Artem Beliaikin on Unsplash

9 Comments

  1. Annie H.

    Eine herzliche Geschichte, ich habe sie bis zur letzten Buchstabe genossen! Hey, du schreibst wirklich ganz toll! Auf eine charmante Art und Weise bringst du herzerwärmende Geschichten zu Papier; das ist schön! Ich tendiere eher zur Melancholie, vielleicht gefallen mir deshalb deine Geschichten so gut.

    Liebe Grüße
    Annie H. / Herbststill-Blog

    Gefällt 1 Person

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