Das Konzert meines Lebens

Die Geschichte von mir vorlesen lassen? Dann bitte Play-Button drücken.

 

Es war ein Mittwoch, soweit ich mich erinnern kann. Ich bin gelangweilt, da meine Bewerbungen bisher keinen Erfolg haben und ich zu Hause sitze, während alle meine Freunde und Freundinnen am Arbeiten sind. Und schon wieder flattert eine E-Mail Absage in meinen Account, dabei habe ich noch nicht einmal mein Frühstück verdaut. Es ist zum Mäusemelken.

Ich mache mich auf den Weg in die City. Erst etwas Fußweg, dann zwei Stationen mit dem Bus, gefolgt von einer langen Fahrt mit dem Skytrain und dann noch ein paar wenige Schritte ins große Kaufhaus. Mal sehen, was es Neues gibt.

Im Grunde genommen, bin ich nicht einmal in Kauflaune. Aber egal.

Das Kaufhaus hat gerade erst eröffnet. Außer dem Personal befinden sich kaum Menschen im Gebäude. Warum auch? Die meisten Menschen haben einen Job und auch sonst Besseres zu tun – meine ich zumindest. Völlig desinteressiert schlendere ich von einer Etage durch die andere. So richtig anschauen tue ich rein gar nichts. Irgendwie fühle ich mich verloren in diesem riesen Gebäude, in der immer noch kaum Kundschaft herrscht.

Irgendwann, in der fünften Etage, nachdem ich mich völlig gelangweilt durch die Gänge der Abendgarderoben für Damen fortbewege, gravitiere ich aus einem völlig unerklärlichen Grund an den Rolltreppen vorbei zu den Aufzügen, die sich am anderen Ende der Abteilung befinden, um nach unten und dann nach Hause zu fahren.

Eigentlich hätte ich noch zwei weitere Etagen, die ich mit meinem Desinteresse beglücken könnte, aber jetzt stehe ich vor den Aufzügen. Der Knopf ist gedrückt und der linke Aufzug hat sich auch schon in Bewegung gesetzt und ist auf dem Weg in die fünfte Etage.

3, 4, 5, … die Aufzugstüren öffnen sich mit dem obligatorischen „Bling“-Ton.

Es befinden sich vier Personen im Aufzug: Drei Männer und eine Frau. Einer der Männer stürmt aus dem Aufzug heraus und rennt mich fast um. Es scheint so, als ob er mich gar nicht gesehen hat. Er zieht eine unglaubliche Gestankswolke hinter sich her, die mich erstarren lässt. Bevor die Türen des Aufzuges schließen, setze ich einen Schritt in die Richtung und werde von der Stimme der Frau aufgehalten: „Kommen Sie hier bloß nicht rein!“ Die zwei Männer und die Frau im Aufzug wedeln wie wild mit ihren Händen vor ihren Nasen und versuchen, bevor sich die Türen schließen, eine Luftzirkulation im Aufzug zu erwirken.

Während sich die Aufzugstüren endgültig schließen und ich wie angewurzelt dastehe, schießen mir mehrere Fragen innerhalb weniger Sekunden durch den Kopf: Was genau passiert hier gerade? Warum warte ich auf einen Aufzug, der nach oben fährt, während ich nach unten will? Warum stehe ich überhaupt vor dem Aufzug und habe nicht die Rolltreppen genommen? Wer ist dieser stinkende Mann? Was will er bei den Abendkleidern?

„Hinterher!“ befiehlt meine innere Stimme äußerst laut. Ich folge ihr – der Stimme und somit auch dem Mann.

Geradeaus, links an den „Kleinen Schwarzen“ vorbei, aber immer in der nötigen Distanz, in der der Gestank, die der Mann verströmt, noch erträglich ist.

Er setzt sich an den Flügel, der mitten zwischen den teils sündhaft teuren Abendkleidern majestätisch platziert ist. Normalerweise hört man hier wochentags mal einen Studenten spielen. Diesmal sitzt ein bestialisch stinkender Mann, der seinen gesamten Besitz am Körper zu tragen scheint, an diesem imposanten Instrument. In sicherer „Riechdistanz“ setze ich mich von ihm völlig unbemerkt in die Lounge, in der üblicherweise gelangweilte Ehemänner ihre Zeit totschlagen, während die Gattinnen stundenlang Kleider anprobieren.

Der Tsunami der durch ihn in mir ausbricht, macht mir das Ausmaß der Katastrophe bewusst, die sich in all meine Köperzellen auszubreiten scheint.

Aber jetzt genau in diesem Moment, scheint es nur zwei Personen in der fünften Etage zu geben. Ihn und mich.

Er sitzt am Flügel, ich in der Lounge.

Er hält inne, ich warte gespannt.

Er fängt an zu spielen, ich traue meinen Ohren nicht!

Seine Finger gleiten vom ersten Ton an, wie ein Wasserfall über die Tasten. Jeder Ton ein Volltreffer und zwar mitten in mein Herz. Dieser Mann spielt definitiv nicht zum ersten Mal in seinem Leben. Seine Finger und die Tasten kennen sich. Sie sind befreundet. Sehr gut befreundet. Sie kennen sich seit Jahren, wenn nicht sogar seit Jahrzehnten. Sie kennen sich – aus einem früheren Leben.

Jeder der Tastenschläge ist so kraftvoll und gefüllt mit tiefstem Schmerz und unerträglichem Leid. Die Klänge eines großen Verlustes verbreiten sich in der fünften Etage des Kaufhauses. Sie fluten durch das Gewebe der teuren Seidenkleider, legen sich in jede einzelne Kaschmirschlinge, durchdringen jedes einzelne Perlmuttknopfloch, klettern an den swarovskikristallbesetzen Reißverschlüssen hoch und setzen sich auf jeder handgenähten einzelnen Perle und Paillette ab.

Wenn ich nicht sitzen würde, würde mich die Schwere in der Luft auf die Kniee zwingen. Mein innerstes füllt sich mit solch intensiven Gefühlen, dass es nicht auszuhalten ist. Es fließen Tränen. Seine Tränen, aus meinen Augen, über meine Wangen. Ich lasse es zu. Was anderes bleibt mir auch gar nicht übrig. Der Tsunami der durch ihn in mir ausbricht, macht mir das Ausmaß der Katastrophe bewusst, die sich in all meine Köperzellen auszubreiten scheint. Je schneller und kraftvoller seine Finger über die Tasten gleiten, umso schneller und kraftvoller das Gefühl des unerträglichen Leides, welches mich wie ein Sog in eine Welt zieht, wo ich den Boden unter den Füßen längst zu verloren haben scheine.

Die Trauer, die aus der Tiefe seines Herzen nach außen tritt, überdeckt den Gestankscocktail aus Urin, Schweiß und Straßendreck. Es ist ein Konzert der Ewigkeit. Fest verankert an einem Ort an der einmal eine große Liebe und Leidenschaft für jemanden oder etwas existiert haben muss. Wie groß muss diese Liebe gewesen sein und wie groß der Verlust, der einen Menschen in diese Situation getrieben hat?

Seine Finger kommen auf den Tasten endlich zur Ruhe und auch ich kann trotz des fürchterlichen Gestanks, der sich im immer größeren Radius ausbreitet, endlich aufatmen. … Er ist ein sehr gutaussehender Mann. Anfang 40 circa. Er sieht gebildet aus und irgendetwas sagt mir, dass er nicht lange auf der Straße lebt. Sein Gesicht ist noch nicht so gekennzeichnet, wie sonst bei Obdachlosen. Aus den unzähligen Lagen, die er am Körper trägt, ragen zarte Hände heraus, die immer noch auf den Tasten ruhen. Er hat lange, sehr schöne Finger, sehr ungewöhnlich für einen Mann. Die Hände eines Künstlers, überzogen mit Straßendreck.

Während er bereits aufgestanden, sich in Richtung Aufzug bewegt, ihn genommen und vermutlich wieder zurück auf die Straße gekehrt ist, sitze ich noch eine ganze Weile in der Lounge, umringt von teuren Abendkleidern und überwältigt von meinen Gefühlen. Jeder Mensch hat eine Geschichte. Eine tragische wurde mir soeben exklusiv ‚erzählt‘. Welchen Wert hat da eine Job-Absage mehr oder weniger?

© Serap Yildirim / 2016


Beitragsbild: Photo by leonie wise on Unsplash

 

4 Comments

    1. mynewperspectivesite

      Seine wahre Geschichte kenne ich leider nicht, aber ich habe ihn fast vier Monate später noch einmal gesehen. Er lag auf einem Lüftungsschacht mit dem Rücken fest an der Gebäudemauer in der City. Auf seinem Gesicht konnte man die Zeichen der Obdachlosigkeit mittlerweile sehen. Ich trage ihn seither in meinem Herzen – was immer ihm das nützen mag.
      Danke für’s Lesen und für Deinen Kommentar.

      Gefällt mir

  1. Falk

    ….. jeder von uns kann morgen die Person auf dem Lüftungsschacht sein,wir halten fest an dem täglichen Wahnsinn der uns krank macht….. höher ,schneller, weiter……
    Ich reise seit vielen Jahren mit Fahrrad und Zelt ( ich nenne das Urlaub) durch Europa und habe viele solcher Menschen kennenlernen dürfen mit ihren ganz eigenen Geschichten.

    Danke für diese wunderbaren Zeilen………

    Gefällt 1 Person

    1. mynewperspectivesite

      Wie recht zu hast … keiner von uns kann sicher sein, wie unser morgiger Tag sein wird. Wir schauen oft genug weg, anstatt hinzusehen. Wir nehmen vieles was wir „besitzen“ als völlig selbstverständlich hin. Allzu oft vergessen wir, dass es auch ganz anders kommen kann – und zwar ohne die geringste Vorwarnung.
      Vielen Dank für Deinen bereichernden Kommentar und für die Zeit, die Du dir dafür genommen hast.

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