„Ich lebe im Paradies“

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Es ist einer dieser Tage in meinem Leben, wo nichts zu funktionieren scheint. Alles und jeder ist gegen mich, und nichts, ja, rein gar nichts klappt, egal was ich tue. Es gibt eine Verschwörung gegen mich, da bin ich mir sicher. Angefangen von dem Aufzug in dem Gebäude, in dem ich lebe, über die Kakteen, die mir wegsterben, weil ich sie angeblich übergieße, bis hin zu den Buchstaben auf meiner Laptoptastatur, die abblättern … Ja, alles ist gegen mich! Von den Menschen da draußen, möchte ich erst gar nicht reden. Alle sind gegen mich. Wirklich alle. Ich muss raus. Raus an die frische Luft oder gleich ins Shoppingcenter. Sich dem Kaufrausch hingeben.

Gesagt, getan. Naja, zumindest sitze ich schon mal im Bus, der selbstverständlich Verspätung hat. Erwähnte ich bereits, dass alles und jeder gegen mich ist? Ja genau, auch der Busfahrer. Egal, Zeit zum Umsteigen. Ich muss den Bus wechseln, der mich zum Shoppingcenter fährt, damit ich frische Luft schnappen kann.

Ich warte. Und während ich dies tue, nähert sich eine alte Dame und schaut sich den Fahrplan an. Ich bemerke, dass sie den Sonntagsfahrplan studiert. Heute ist Dienstag. Ich versuche die Dame zu ignorieren, schließlich ist die Welt gegen mich! Mein innerer Schweinehund hindert mich aber daran ein Schweinehund zu sein also trete ich näher zu ihr und sage in einem mir höchstmöglich höflichem Ton: „Entschuldigen Sie, dies ist der Fahrplan für Sonn- und Feiertage.“

„Ist den heute Sonntag?“ fragt sie in einer lieblich kindlichen Stimme.

„Nein“, erwidere ich, „heute ist Dienstag. Ihr Bus kommt in ca. vier Minuten.“

„Ach, dann kann ich mich ja noch hinsetzen. Wissen Sie, ich bin schon über 80, da fällt das lange stehen schwerer.“

Na super! Ist das etwa der Anfang einer Konversation, die ich gar nicht führen will? Ja! Man, die Welt ist gerade gegen mich und ich will lediglich Frischluft im Shoppingcenter schnappen. Mehr nicht! Das dumme ist, die Dame ist viel zu freundlich, um unhöflich zu sein, auch wenn die Welt gegen mich ist! Und wie über 80 sieht sie auch gar nicht aus. Eher wie Mitte 60. Egal, die Welt ist gerade gegen mich, was machen da 20 Jahre mehr oder weniger bei einer wildfremden Person an einer Bushaltestelle schon aus?

„Werden Sie auch mit meinem Bus fahren?“

Nein, bitte keine Fragen und schon gar nicht in dieser kindlich süßen unschuldigen Stimme! Wie zum Teufel soll ich mich jetzt noch auf eine Welt konzentrieren, die gegen mich ist?

„Ja, auch ich werde den Bus nehmen“ fließen die Worte fast genauso sanft und kindlich aus meinem Mund heraus. Die alte Dame wickelt mich doch gerade nicht um ihren Finger?

„Wissen Sie“, setzt sie in ihrer süßlichen Stimme wieder an „ich habe meine Tochter besucht, sie hat mir auch Essen mitgegeben, damit ich heute Abend nicht kochen brauche. Aber wenn ich zu Hause bin, muss ich unbedingt meinen besten Freund anrufen, damit er weiß, dass ich auch wieder zu Hause angekommen bin. Er macht sich immer so große Sorgen um mich.“

„Das ist sehr löblich von ihrem Freund, dass er so besorgt um Sie ist.“

„Ja, nicht wahr? Das findet man nicht häufig. Soll ich Ihnen die Geschichte erzählen, wie wir uns wiedergefunden haben?“

Hm, will ich? Will ich das wirklich hören? Was ich will ist doch nun wirklich nichts mehr als Frischluft im Shoppingcenter zu schnappen, weil die Welt gegen mich ist! Nicht mehr und nicht weniger! Warum? Warum zum Teufel, muss ich mir das jetzt antun? Muss ich? Ok, wie lange dauert es noch, bis der Bus kommt? Gut, zweieinhalb Minuten. So viel gebe ich noch der alten Dame. Wenn Sie es schafft, ihre Geschichte in zweieinhalb Minuten zu erzählen, dann gut. Wenn nicht, dann hat sie eben Pech gehabt. Schließlich ist die Welt da draußen gegen mich und ich habe wirklich besseres zu tun!

„Ja, sehr gern!“ … Ja? Sehr gern? Heuchlerin!

„Wissen Sie, eigentlich ist es mein alter Schulfreund. Wir haben uns nach der Schulzeit aus den Augen verloren.  Sie wissen ja sicherlich, wie das ist.“

Ich nicke. Noch knapp zwei Minuten.

„Jeder lebt irgendwie sein Leben. Aber vor zwei Jahren, da musste ich urplötzlich an ihn denken. Stellen Sie sich vor, nach so vielen Jahrzehnten. Ich bin ja schon über 80!“

Ja, das erwähnten Sie bereits!

„Da habe ich im Telefonbuch nach seinem Namen geschaut und Sie werden es nicht glauben, ich habe ihn gefunden.“

Was ich gerade nicht glauben kann, ist, dass es noch Menschen gibt, die ein Telefonbuch zu Hause haben und sogar reinschauen!

„Tatsächlich?!“

„Ja, er wohnt sogar noch an seiner alten Adresse, im Elternhaus. Ist doch gar nicht so üblich. Man zieht ja schließlich um und das man in meinem Alter überhaupt noch lebt, ist ja auch schon ein Wunder. Aber wissen Sie was? Ich habe nicht angerufen, weil ich mich nicht getraut habe. Dann ein paar Tage später, musste ich wieder an ihn denken. Dann habe ich den Mut gefasst und ihn tatsächlich angerufen.“

Noch ca. eineinhalb Minuten und der Bus ist da.

„Und wissen Sie was? Er hat mir erzählt, dass er genau an dem Tag, an dem ich zum ersten Mal nach so langer Zeit wieder an ihn gedacht habe, an mich gedacht hat. Er hat seiner Frau erzählt, dass er mich so gern wieder treffen würde, falls ich noch am Leben sei. Wissen Sie, wir waren sehr gute Freunde, damals.  Aber wir haben uns aus den Augen verloren. Und wissen Sie was? Er hat genau wie ich im Telefonbuch nach mir gesucht, aber weil ich geheiratet und meinen Nachnamen gewechselt habe, konnte er mich nicht finden. Sie können Sie gar nicht vorstellen, wie sehr er sich gefreut hat, von mir zu hören! Ist das nicht schön? Wir haben zur selben Zeit nach so vielen Jahrzehnten wieder aneinander gedacht und sind jetzt wie früher gut befreunden.“

Keine Ahnung was in den letzten eineinhalb Minuten passiert ist, aber es ist um mich geschehen. Nein, dies ist nicht Tausendundeine Nacht. Ich bin kein König und sie nicht Scheherazade. Ich bin auch keine Biene und sie ein Honigtopf, aber ich hänge gerade an ihren Lippen … und aus dem Blickwinkel heraus sehe ich ihn, den Bus, der PÜNKTLICH ist! Soll das ein Scherz sein? Jetzt, wo ich mitten in der Geschichte stecke, da meint der Bus mal pünktlich zu kommen?

Ich erwähnte es eventuell bereits: Die Welt ist gegen mich!

Die alte Dame steigt in den Bus, ich hinter ihr her. Noch habe ich vier Stationen an Gelegenheit, die ich noch nutzen kann, ihr zuzuhören. Ich frage, ob ich neben ihr sitzen darf.  „Ja, sehr gerne“ erwidert sie zuckersüß. Sie ist zum Anbeißen. Eine wunderhübsche Frau, über 80 aber fast 20 Jahre jünger aussehend und mit einem unschuldigen kindlichen Gemüt.

„Wissen Sie, ich lebe im Paradies“, kommen die Worte in völliger Selbstverständlichkeit aus ihrem Mund.

„Tatsächlich?“ frage ich erstaunt. „Das ist sicherlich nicht der schlechteste Ort zum Leben“ füge ich scherzhaft hinzu.

„Nein, es ist wirklich wunderbar. Mein Freund sagt das auch. Das ich im Paradies lebe, meine ich.“

„Wo liegt den ihr Paradies?“ frage ich interessiert.

„An der letzten Bushaltestelle.“

„Verstehe, der Stadtteil soll tatsächlich sehr schön sein, aber dass es jemand als Paradies bezeichnet, ist mir bisher noch nicht vorgekommen.“

„Doch, ich lebe im Paradies. Ich habe einen Balkon der wirklich sehr groß ist und sehr viele Blumen rundherum. Die habe ich alle selber gepflanzt. Der Garten liegt mir zu Füßen und ich liebe den Blick über den weiten Himmel über mir. Ich sitze gern auf dem Balkon bei meinen Blumen, auch wenn es draußen kalt ist. Dann nehme ich mir immer eine Decke mit. Ach, wissen Sie, es ist so schön auf meinem Balkon und wenn die Sonne scheint, dann hält mich gar nichts mehr drinnen auf. “

„Wie schön, Sie haben ja auch Farbe im Gesicht und das bei diesem kalten Wetter.“

„Ja, das kommt daher, dass ich im Paradies lebe. Wissen Sie, ich will nicht ins Altersheim und bei meiner Tochter will ich auch nicht leben. Mein bester Freund sagt das auch. Er sagt, „Was willst Du im Altersheim, wenn Du im Paradies leben kannst?“ Er hat Recht.  … Haben Sie auch einen Balkon?“

„Ja, habe ich. Ich habe auch einen sehr schönen Ausblick.“

„Und haben Sie auch Blumen auf dem Balkon?“

„Nein, leider nicht.“

„Warum nicht?“

„Weil ich bedauerlicherweise keinen grünen Daumen besitze.“

„Versuchen Sie es trotzdem. Schaffen Sie sich ein Paradies.“

„Sie haben vielleicht Recht, das sollte ich tun.“

„Ja, tun Sie das. Das ist etwas Wunderbares. Wissen Sie, ich stehe jeden morgen früh auf, mache mich zurecht, decke ganz liebevoll den Frühstückstisch ganz für mich selbst und genieße die ersten Stunden meines Tages bei einem leckeren Frühstück und später auf meinem Balkon. Ich saß noch nie in Pyjamas an meinem Frühstückstisch, auch nicht, wenn ich alleine bin. Und ich lebe schon lange alleine. Mein Mann ist früh gestorben. Es ist wichtig, dass man auf sich selbst achtet. Schließlich ist man doch der wichtigste Mensch im eigenen Leben. Verstehen Sie, was ich meine?“

Ich nicke sanft.

„Viele Menschen lassen sich gehen, aber dafür gibt es keinen Grund. Die Welt ist so wunderbar und jeder Tag bringt etwas Neues – ja sogar in meinem Alter. Jeder schafft seine Welt selbst. Und ich habe mir ein Paradies erschaffen und man muss bedenken, dass ich zur Kriegsgeneration gehöre.“

Für eine ganz kurze Weile hält die alte Dame inne. Ich mit ihr.

„Wissen Sie, ich lebe wirklich im Paradies“ sagt sie zum erneuten Male in ihrer kindlichen und unschuldigen Art und Weise und ein wunderschönes ansteckendes Lächeln bereitet sich auf ihrem Gesicht aus.

„Ich muss jetzt leider aussteigen“, erwidere ich ganz wiederwillig und reiße mich selbst aus der Welt heraus, in der ich wie in Zuckerwatte die letzten Minuten eingehüllt war. „Es war mir eine große Freude, Sie kennenlernen zu dürfen.“

„Danke sehr, es war schön mit Ihnen zu reden.“

In dem Augenblick dreht sie sich zum ersten Mal während unseres gesamten Zusammensein so zu mir um, dass ich in ihre Augen schauen kann. Ich stutze und was ich sehe ist nicht das, was ich in den letzten zehn zwölf Minuten erleben durfte. Während das Wesen dieser zuckersüßen alten Dame voller Lebensfreude das Hier und Jetzt repräsentiert, sehe ich in ihren Augen nur eins: Die pure Vergangenheit!

„Machen Sie es gut. Auf Wiedersehen.“

„Danke, Sie auch.“

Ich steige aus. Auf meinem Gesicht das Lächeln der alten Dame, in meinem Herzen ein wunderschönes Gefühl von tiefer Bedeutung. Ich überquere die Straße, setze mich in den nächsten Bus, der in entgegengesetzte Richtung nach Hause fährt.

Was genau war nochmal der Grund, warum ich das Haus verlassen habe? Ich weiß es nicht! Spielt es überhaupt noch eine Rolle?

    • Liebe Anita, wie schön, dass Du Dich in der Geschichte wiederfinden konntest. Nach meinem Empfinden, scheint jeder Mensch, der in unser Leben tritt – wenn auch nur für eine kurze Zeit – eine wertvolle Aufgabe bzw. einen Lerneffekt mit sich zu bringen. Danke fürs Lesen und für diese schöne Rückmeldung. Alle Liebe Dir.

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